Der Saronische Golf ist aufgrund seiner Nähe zu Athen hervorragend erreichbar und daher auch außerhalb der Hauptsaison ein beliebtes Segelrevier. Zahlreiche Charterbasen sorgen insbesondere in den Sommermonaten für gut belegte Ankerplätze. Für uns ist der Saronische Golf jedoch nur eine Zwischenstation auf dem Weg in die nördliche Ägäis. Unser Kurs führt zu den nördlichen Sporaden und den Küsten des griechischen Festlands – unserem Revier für die kommenden Sommerwochen.
Bei Sonnenaufgang bereiten wir uns auf die Weiterfahrt vor. Die Wetterprognosen kündigen bis Mittwoch kräftigen Nordwind an – den in dieser Region vorherrschenden Meltemi. Unser Plan ist es, uns entlang der geschützten Nordküste bis zum Kap Sounion vorzuarbeiten, um am Donnerstag bei ruhigeren Bedingungen den südlichen Golf von Euböa erreichen zu können.
An der Nordwestküste des Saronischen Golfs prägen Industrieanlagen und Hafenanlagen das Bild. Entsprechend dicht ist hier auch der Schiffsverkehr. Während wir an der Küste Athens vorbeiziehen, queren wir das Verkehrstrennungsgebiet vor dem Hafen von Piräus. Frachtschiffe, Fähren und Schlepper sind unterwegs, und auf dem AIS herrscht reger Betrieb.
Bereits gegen 10 Uhr liegt das geschäftige Revier hinter uns. Der Meltemi setzt ein und schickt Böen von bis zu 28 Knoten über den Golf. Die Luft wird klarer, das Meer dunkler, und wir sind froh, unser Tagesziel nicht allzu weit entfernt zu wissen.
Nach rund 20 Seemeilen erreichen wir gegen Mittag die Bucht von Agios Marina. Nahe der felsigen Küste fällt unser Anker. Kaum liegt die Kette am Grund, kehrt Ruhe ein. Nur gelegentlich fegen einzelne Böen über die Bucht und erinnern daran, wie rau die Bedingungen außerhalb ihres Schutzes sein können.
Heute klingelt der Wecker bereits um 7 Uhr. Nach dem Frühstück geht es an Land, denn die Vorräte müssen aufgefüllt werden. Für den späten Vormittag ist erneut starker Wind angekündigt, bis dahin möchten wir wieder an Bord sein.
Agios Marina ist kein klassischer Urlaubsort. Am Strand stehen lediglich zwei einfache Tavernen, dahinter verläuft eine mehrspurige Schnellstraße. Der Supermarkt liegt etwa einen Kilometer landeinwärts. Der Weg dorthin führt durch ein eher unscheinbares Wohngebiet. Umso schöner ist es, anschließend wieder an Bord zurückzukehren. Gegen halb zehn sind die Einkäufe verstaut und wir sitzen mit einer Tasse Kaffee im Cockpit. Pünktlich zur Mittagszeit frischt der Wind wieder deutlich auf.
Die aktuellen Wetterberichte sagen für den Abend nachlassenden Wind voraus. Damit rückt die Weiterfahrt in greifbare Nähe. Unser Plan ist schnell gemacht: Wenn wir gegen 16 Uhr auslaufen, sollten wir die rund 15 Seemeilen bis zum Kap Sounion noch vor Sonnenuntergang schaffen. Nach unseren Informationen lässt sich die Ankerbucht auch bei später Ankunft problemlos anlaufen und bietet ausreichend Platz.
Nach einem guten Essen bereiten wir Jera für die nächste Etappe vor. Die Vorfreude ist groß, denn mit dem Kap Sounion lassen wir den Saronischen Golf hinter uns und kommen unserem Ziel im Norden ein gutes Stück näher. Gegen 16 Uhr lässt der Wind tatsächlich etwas nach, und wir laufen aus. Mit gereffter Fock segeln wir bei etwa 20 Knoten Wind auf raumem Kurs nach Osten. Jera fühlt sich in diesen Bedingungen wohl und läuft mit mehr als fünf Knoten durchs Wasser. Im weiteren Verlauf wird der Wind schwächer, sodass wir zusätzlich das Großsegel im zweiten Reff setzen können.
Als wir uns gegen 19 Uhr der Bucht von Sounion bis auf zwei Seemeilen nähern, erleben wir eine Überraschung. Vor dem berühmten Kap liegen außergewöhnlich viele Schiffe vor Anker. Offenbar warten zahlreiche Crews nach den zurückliegenden Starkwindtagen auf eine günstige Gelegenheit für die Weiterfahrt. Zwischen den vielen Ankerliegern möchten wir uns nicht mehr dazwischendrängen und entscheiden uns stattdessen für die westlich gelegene Bucht Ormos Legrena. Hier liegen lediglich eine Handvoll Yachten.
Während die Sonne langsam tiefer sinkt, fällt unser Anker in kristallklarem Wasser. Anfangs ziehen noch einige kräftige Böen durch die Bucht, doch im Laufe des Abends wird es zunehmend ruhiger. Mit Blick auf die Küste und dem Gefühl, wieder ein Stück näher an unserem Sommerziel zu sein, genießen wir einen entspannten Abend an Bord. Morgen geht es weiter zum Kap Sounion und anschließend entlang der Ostküste Richtung Euböa.




