Der Kanal von Korinth

Mit dem ersten Tageslicht verlassen wir um 6 Uhr die Bucht von Galaxidi und nehmen Kurs auf Korinth. Die Wetterprognosen versprechen nur wenig Wind, daher läuft der Motor während der gesamten Etappe.

Am frühen Nachmittag erreichen wir den Hafen von Korinth und werfen im weitläufigen Vorhafen den Anker.

Direkt vor dem Hafen liegt die 118 Meter lange Yacht von Mark Zuckerberg vor Anker. Und weil auf einem Schiff dieser Größe offenbar nicht alles Platz findet, gehören gleich zwei weitere Begleitschiffe zum Verbund. Diese sogenannten „Wingmen“ transportieren Motorboote, Jetskis, Fahrzeuge, einen Helikopter und sogar ein kleines U-Boot. Eine verrückte Welt.

Mit unserem eigenen „Wingman“ – einem 2,5 Meter langen Schlauchboot mit 2,3 PS Außenborder – setzen wir dagegen deutlich bescheidener an Land über und unternehmen einen Abendspaziergang durch Korinth. Die heutige Stadt entstand erst nach dem schweren Erdbeben von 1858, das das ursprüngliche Korinth nahezu vollständig zerstörte. Anschließend wurde die Stadt rund 13 Kilometer weiter nördlich neu aufgebaut.

Heute steht ein besonderer Höhepunkt auf dem Programm: die Durchfahrt durch den Kanal von Korinth. Unser Timeslot ist für 11 Uhr reserviert. Deshalb lassen wir den Morgen entspannt angehen. Gegen 9 Uhr klettern wir aus der Koje, trinken in Ruhe unseren Kaffee und gönnen uns noch einen Sprung ins angenehm kühle Wasser. Um halb elf lichten wir den Anker und machen uns auf den Weg zur rund zwei Kilometer entfernten Kanaleinfahrt. Unterwegs melden wir uns wie vorgeschrieben bei der Kanalbehörde an.

Kurz nach 11 Uhr ist es dann soweit. Jedes Schiff erhält seine Position in der Reihenfolge der Passage, anschließend setzt sich der Konvoi langsam in Bewegung. An der Spitze fahren zwei Ausflugsschiffe, gefolgt von einem Frachter mit Lotsen an Bord. Dahinter folgen fünf Segelyachten – und Jera bildet das Schlusslicht.

Der Kanal von Korinth verbindet den Golf von Korinth im Westen mit dem Saronischen Golf und damit dem Ägäischen Meer im Osten. Er durchschneidet die schmalste Stelle zwischen der Peloponnes und dem griechischen Festland und verkürzt den Seeweg erheblich. Der Kanal ist 6,3 Kilometer lang und an der Wasseroberfläche lediglich 21 Meter breit. Für moderne Containerschiffe ist er damit längst zu schmal geworden.

Besonders beeindruckend sind die steilen Felswände, die stellenweise bis zu 80 Meter in die Höhe ragen. Mehrfach musste der Kanal in den vergangenen Jahren wegen Felsstürzen gesperrt werden. Während wir durch die enge Wasserstraße fahren, wirken die Felswände fast wie die Kulisse eines Canyons. Die Passage dauert knapp eine Stunde und kostet für unser zwölf Meter langes Schiff 220 Euro. Nicht gerade günstig – aber definitiv ein Erlebnis.

Nach der Ausfahrt verlassen wir den Zufahrtsbereich und finden uns plötzlich in einer völlig anderen Welt wieder. Der Saronische Golf empfängt uns mit spiegelglattem Wasser und kaum Wind. Nach den vergangenen Tagen fühlt sich die See beinahe wie ein Ententeich an. Der Windmesser zeigt zwischen fünf und acht Knoten an. Wir setzen Großsegel und Genua und freuen uns auf eine entspannte Nachmittagsfahrt.

Doch kaum sind die Schoten dichtgeholt, trifft uns aus dem Nichts eine Böe mit 25 Knoten. Für diese Windstärke tragen wir deutlich zu viel Segelfläche. Jera legt sich kräftig auf die Seite, beschleunigt schlagartig und beginnt anzuluven. Wir steuern energisch dagegen. Der Ruderdruck ist enorm, doch langsam bekommen wir das Schiff wieder unter Kontrolle und zurück auf seinen raumen Kurs. Nach der Böe bleibt der Wind zunächst bei rund 20 Knoten. Sofort rollen wir die Genua ein, reffen das Großsegel auf das zweite Reff und setzen stattdessen die kleine Fock.

Das war unser erster intensiver Kontakt mit den Windverhältnissen der Ägäis. Einen so plötzlichen Anstieg der Windstärke um mehr als das Doppelte haben wir bislang noch nicht erlebt. Die Erfahrung macht Eindruck und lässt uns darüber nachdenken, was uns wohl erwartet, wenn wir später weiter nördlich auf den ausgewachsenen Meltemi treffen.

Die zerklüfteten Berge und sonnengewärmten Felsen entlang der Küste erzeugen starke thermische Effekte, die den überregionalen Wind zusätzlich verstärken können. Nach einiger Zeit verschwinden die harten Böen wieder, und der Wind pendelt sich bei zehn bis zwölf Knoten ein. Nun haben wir eigentlich zu wenig Segelfläche gesetzt. Nach dem vorangegangenen Schreck bleiben wir jedoch lieber auf der vorsichtigen Seite. Der Wind bleibt wechselhaft, und unsere Geschwindigkeit schwankt ständig zwischen drei und sechs Knoten.

Am späten Nachmittag erreichen wir schließlich die Peristeria Bay auf Salamina. Nachdem der Anker sicher eingegraben hat, kehrt Ruhe ein. Mit Blick auf die untergehende Sonne lassen wir einen ereignisreichen Tag ausklingen – vom Kanal von Korinth bis zu unserem ersten kleinen Vorgeschmack auf die Segelbedingungen der Ägäis.