Der Golf von Patras

Um 8 Uhr bereiten wir die Jera für die Abfahrt vor, kurz vor 9 Uhr legen wir schließlich ab. Schon bald liegt der Kanal von Mesolonghi hinter uns. Bei gerade einmal fünf Knoten Wind setzen wir das Großsegel. Während ich unter Deck den Wassermacher spüle und in Betrieb nehme, scheint alles nach einem entspannten Segeltag auszusehen.

Als ich etwa 15 Minuten später wieder ins Cockpit komme, hat der Wind bereits deutlich zugelegt. Aus den anfänglichen fünf Knoten sind inzwischen 17 geworden. Vorsorglich verkleinern wir das Großsegel auf das zweite Reff.

Je weiter wir in den Golf von Patras segeln, desto stärker bläst es. Die Meerenge von Rio-Andirrio wirkt wie eine Düse für den Ostwind. Leider kommt dieser genau aus der Richtung, in die wir wollen. Wir müssen hart am Wind kreuzen.

Mit zunehmendem Wind bauen sich kurze, steile Wellen auf. Immer wieder rauscht Wasser über das Vorschiff und spritzt bis ins Cockpit. Zehn Meilen vor der Meerenge messen wir bereits Böen von über 30 Knoten. Es ist erst Mittag, und der Wind nimmt weiter zu. Unter diesen Bedingungen weiter aufzukreuzen oder gar unter Motor gegen Wind und Welle anzukämpfen, ergibt keinen Sinn. Schweren Herzens brechen wir den Versuch ab.

Der Wechsel vom harten Amwindkurs auf Vorwindkurs bringt sofort Erleichterung. Die Bewegungen des Schiffes werden deutlich angenehmer, die Stimmung entspannt sich. Mit guter Fahrt und den Wellen von achtern segeln wir zurück nach Westen. Je weiter wir uns von der Winddüse bei Rio-Andirrio entfernen, desto ruhiger werden die Bedingungen.

Um 15 Uhr liegen wir wieder sicher vor Anker im geschützten Hafenbecken von Mesolonghi. Das Wasser ist spiegelglatt, kaum ein Lüftchen bewegt sich. Es wirkt fast so, als wäre der stürmische Ausflug nie passiert.

Für die Strecke zum Korinthkanal müssen wir uns eine bessere Strategie überlegen. Die gängigen Wetter-Apps liefern zwar gute Daten für die großräumige Wetterlage, doch in Regionen wie dieser mit engen Meerengen, hohen Bergen und ausgeprägter Thermik können die tatsächlichen Bedingungen erheblich von den Prognosen abweichen. Dieses Wissen lässt sich nicht aus einer App ablesen – man muss es sich selbst ersegeln. Der gestrige Tag hat deutlich gezeigt, dass Windstärke und Wetterprognose in der Meerenge von Rio-Andirrio zwei verschiedene Dinge sein können. Thermik und Düseneffekt verstärken den Wind dort teilweise auf das Doppelte der vorhergesagten Werte. Einfach loszusegeln wäre daher keine gute Idee. Die bevorstehende Strecke muss sorgfältiger geplant werden.

Bis zur westlichen Zufahrt des Korinthkanals liegen rund 80 Seemeilen vor uns – idealerweise aufgeteilt auf zwei bis drei entspannte Tagesetappen. Für Montag und Dienstag sind günstige Bedingungen gemeldet. Am Mittwoch soll dagegen starker Westwind mit mehr als 30 Knoten einsetzen. Ab Donnerstag wird eine Wetterberuhigung erwartet – perfekte Voraussetzungen für die Durchfahrt durch den Korinthkanal.

Um den thermischen Starkwind in der Meerenge zu vermeiden, wollen wir diesmal deutlich früher starten. Wenn wir bereits um 4 Uhr morgens in Mesolonghi losfahren, sollten wir gegen 8 Uhr die Brücke von Rio-Andirrio erreichen. Bis die Thermik einsetzt, liegt die Engstelle dann bereits hinter uns und wir können mit dem Wind in den Golf von Korinth segeln.

Um 4 Uhr morgens reißt uns der Wecker aus dem Schlaf. Eine halbe Stunde später gehen wir Anker auf. Noch in völliger Dunkelheit fahren wir durch den schmalen Kanal von Mesolonghi. Die Stege und kleinen Fischerhäuschen wirken in der Nacht noch näher als bei Tageslicht. Dank Plotter und GPS ist die Navigation grundsätzlich einfach. Dennoch verlassen wir uns nicht ausschließlich auf die Elektronik. In dieser engen Fahrrinne könnte bereits eine kleine Messungenauigkeit problematisch werden. Deshalb fahren wir langsam und kontrollieren den Abstand zum Ufer zusätzlich mit einer starken Taschenlampe.

Als wir den Kanal hinter uns lassen und Kurs nach Osten setzen, beginnt langsam die Dämmerung. Über den Lagunen liegt leichter Nebel, eine dünne Wolkenschicht bedeckt den Himmel. Die Luft ist angenehm kühl und feucht – eine willkommene Abwechslung zu den heißen Nachmittagen der letzten Wochen. Die Bedingungen entsprechen exakt der Vorhersage: kaum Wind und ruhige See. Wir motoren durch den Golf von Patras.

Gegen halb neun liegt die beeindruckende Rio-Andirrio-Brücke bereits hinter uns. Die von vier mächtigen Pylonen getragene Schrägseilbrücke markiert den Eingang zum Golf von Korinth und zählt zu den eindrucksvollsten Bauwerken Griechenlands.

Kurz darauf setzt die Thermik ein und der Westwind frischt auf. Endlich können wir die Segel setzen. Mit voller Besegelung gleiten wir auf Vorwindkurs nach Osten. Windstärken zwischen 20 und 25 Knoten sorgen für angenehme sechs Knoten Fahrt durchs Wasser.

Etwa fünf Meilen vor der Bucht von Itea schläft der Wind jedoch wieder ein. Gemeinsam mit einem anderen Segelboot kämpfen wir gegen schlagende Segel und mangelnden Vortrieb. Schließlich starten beide Schiffe ihre Motoren und steuern die Bucht an.

Am westlichen Leuchtturm von Anfromachi setzt plötzlich wieder Wind ein. Während unser Buddyboot unter Motor bleibt, rollen wir die Segel erneut aus. Zunächst geht es mit sechs Knoten Wind und vier Knoten Fahrt gemütlich voran. Doch schon wenig später bläst es mit 18 Knoten, und die Jera rauscht auf Halbwindkurs mit sechs Knoten durch das Wasser. Kurz bevor wir unser Begleitboot unter Segeln überholen können, biegt es nach Itea ab. Wir dagegen halsen und nehmen Kurs auf Galaxidi.

Erst kurz vor dem malerischen Städtchen bergen wir die Segel und werfen den Anker in der geschützten Bucht von Hirolakas. Ein herrlicher Segeltag geht zu Ende. Zum Ausklang fahren wir mit dem Dinghy an Land und genießen ein Abendessen in den engen Gassen von Galaxidi.

Galaxidi liegt in einer kleinen Seitenbucht innerhalb der weitläufigen Bucht von Itea. Der Ankerplatz bietet bei nahezu allen Windrichtungen guten Schutz. Nur bei starkem Nordwind kann es hier ungemütlich werden. Kleine vorgelagerte Inseln und Untiefen halten den Seegang zuverlässig fern.

Am Vormittag schlendern wir durch die hübschen Gassen des Ortes, bis uns die zunehmende Hitze zurück an Bord treibt. Nach einer erfrischenden Abkühlung im Meer suchen wir Schutz im Schatten der Bimini.

Gegen 13 Uhr trifft Markus mit seiner Aurelia in der Bucht ein. Kennengelernt haben wir uns vor einem Jahr auf den Liparischen Inseln, seitdem sind wir immer wieder in Kontakt geblieben.

Um 14 Uhr setzt der vorhergesagte thermische Starkwind aus Westen ein. Böen bis 30 Knoten fegen über das Ankerfeld. Dank der geschützten Lage bleibt das Wasser in unserer Bucht jedoch erstaunlich ruhig.

Gegen 21 Uhr flaut der Wind wieder ab. Für morgen wird eine ähnliche Wetterlage erwartet.

Aufgrund der Starkwindprognose bleiben wir heute an Bord. Bereits um 9 Uhr weht der Wind mit etwa 15 Knoten, gegen Mittag sind es schon über 20 Knoten.

Als wir in Galaxidi ankamen, hatten wir den Anker bei Ostwind gesetzt. Die kräftigen Westwindböen des Vortages haben ihn inzwischen gedreht und erneut tief eingegraben. So liegt die Jera auch heute absolut sicher. Das funktioniert allerdings nur auf sandigem Grund zuverlässig. In schlammigem Untergrund kann sich Schlamm zwischen Ankerblatt und Bügel festsetzen. Wird der Anker bei einem Winddreher herausgezogen, verhindert dieser Schlamm häufig das selbstständige Wiedereingraben. In solchen Fällen muss der Anker aufgeholt, gereinigt und neu eingefahren werden.

Den Tag verbringen wir mit Arbeiten an Bord, Schwimmen, Wasserproduktion und der Planung der nächsten Etappen. Am Abend bläst der Grundwind mit 25 bis 30 Knoten. Laut Markus erreichen die Böen sogar 40 Knoten. Unser Anker hält jedoch zuverlässig, und die GPS-Position der Jera bleibt unverändert.

Als die Sonne langsam hinter den Hügeln verschwindet, lässt auch der Einfluss der Thermik nach. Gegen 20 Uhr wird der Wind deutlich schwächer. Die Temperaturen sind nun angenehm, und wir gönnen uns einen Sprung ins Wasser. Durch den starken Wind hat sich in der Bucht eine erstaunliche Strömung aufgebaut. Gleichzeitig wurde das Wasser kräftig durchmischt und ist mit 22 Grad deutlich kühler als zuvor.

Um 23 Uhr fühlt sich die Bucht an wie ein Ententeich. Kein Wind, keine Wellen – nur ein leichter Restschwell erinnert noch an den stürmischen Nachmittag.

Nach einer angenehm ruhigen Nacht begrüßt uns leichter Südwind. Der starke Westwind der vergangenen Tage ist verschwunden und hat die Hitze gleich mitgenommen. Die Temperaturen fühlen sich deutlich angenehmer an.

Nach zwei Tagen an Bord freuen wir uns auf etwas Bewegung. Wir wandern zur alten Windmühle auf dem Hügel südlich von Galaxidi und organisieren anschließend einen Mietwagen für den nächsten Tag.

Für heute ist nur schwacher Wind vorhergesagt. Wir können die Jera daher beruhigt vor Anker zurücklassen. Bereits um 7 Uhr morgens machen wir uns mit dem Mietwagen auf den Weg ins rund 35 Kilometer entfernte Delphi. Die Besichtigung möchten wir möglichst in den kühlen Morgenstunden absolvieren.

Schon das Museum beeindruckt mit seinen Ausstellungsstücken. Hier verschmelzen die Mythen des antiken Griechenlands mit der tatsächlichen Geschichte. Herrscher und Stadtstaaten aus allen Teilen der griechischen Welt haben in Delphi ihre Spuren hinterlassen.

Anschließend erkunden wir die weitläufige Tempelanlage am Berghang. Der Heilige Weg führt vorbei an den Schatzhäusern, in denen einst die kostbaren Weihgeschenke der Stadtstaaten aufbewahrt wurden. Entlang des Weges reihen sich Monumente, Tempel und weitere Bauwerke aneinander. Im Zentrum des Heiligtums steht der berühmte Apollon-Tempel. Darüber erhebt sich das Theater mit seinem beeindruckenden Blick über das Tal. Noch weiter oben liegt das Stadion, in dem einst Wettkämpfe und Spiele ausgetragen wurden. Tief beeindruckt und voller neuer Eindrücke verlassen wir diesen geschichtsträchtigen Ort.

Den restlichen Tag verbringen wir im Parnass-Gebirge. Die Straße führt bis auf etwa 1.600 Meter Höhe durch ausgedehnte Nadelwälder. Die Landschaft erinnert uns stellenweise eher an Tirol als an Griechenland. Am höchsten Punkt erreichen wir das moderne Skigebiet von Parnassos. Die höchsten Liftanlagen reichen bis auf rund 2.260 Meter Höhe. Weite Hänge und moderne Infrastruktur lassen erahnen, wie beliebt die Region im Winter sein muss. Zahlreiche Ferienwohnungen und Chalets säumen die Berghänge. Wir staunen nicht schlecht, hier in Griechenland – so weit im Süden Europas – auf ein großes Wintersportgebiet zu treffen.

Am späten Nachmittag geht es wieder hinunter in die wärmeren Küstenregionen und schließlich zurück nach Galaxidi.