Als wir um 6 Uhr morgens den Anker lichten, sind wir das erste Schiff, das den Ankerplatz am Kap Sounion verlässt. Eine Etappe von rund 50 Seemeilen liegt vor uns – mehr als zehn Stunden auf dem Wasser. Um 7 Uhr liegt das Kap bereits achteraus an Backbord, und wir ändern unseren Kurs nach Norden. Während die Sonne langsam über dem Horizont aufgeht, zieht Jera unter Motor zwischen der Insel Makronisos und dem Festland hindurch. Das Wasser ist spiegelglatt, kein Lufthauch kräuselt die Oberfläche.
Als wir den Golf von Petalioi erreichen, zeichnen sich am Horizont bereits die Konturen der Insel Euböa ab. Gegen Mittag setzt schließlich Südwind ein, und wir können die Segel setzen. Mit rund fünf Knoten Fahrt gleiten wir auf Vorwindkurs in den südlichen Golf von Euböa und weiter in den südlichen Euböa-Kanal. Hier sollte eigentlich unser Tagesziel liegen. Doch die Bedingungen sind hervorragend, und so beschließen wir spontan, bis nach Chalkida weiterzusegeln. Um 19 Uhr fällt nach 65 Seemeilen und 13 Stunden unser Anker in der Bucht von Dokos, direkt vor der neuen Brücke von Chalkida.
Heute steht eine besondere Passage auf dem Programm: die Durchfahrt durch die schmalste Meerenge der Welt. An ihrer engsten Stelle trennen Festland und Insel lediglich 40 Meter. Überspannt wird die Passage von einer historischen Schwenkbrücke. Um den Straßenverkehr möglichst wenig zu beeinträchtigen, öffnet die Brücke ausschließlich nachts. Wer die Meerenge passieren möchte, muss sich zuvor anmelden und eine Gebühr entrichten. Ab 21:30 Uhr heißt es dann, auf Kanal 12 hörbereit zu sein und auf Anweisungen zu warten.
Zusätzlich macht die Strömung die Passage anspruchsvoll. Ihre Richtung kann sich abhängig von Wind und Wetter auf ungewöhnliche Weise ändern. Häufig geschieht dies etwa alle sechs Stunden, manchmal jedoch deutlich öfter oder auch gar nicht. Berichten zufolge wurden bereits bis zu 14 Richtungswechsel an einem einzigen Tag beobachtet. Einer Überlieferung zufolge soll sich sogar Aristoteles bereits um 400 v. Chr. vergeblich an der Erklärung dieses Phänomens versucht haben.
Pünktlich um 21:30 Uhr schalten wir das Funkgerät auf Kanal 12 und stellen uns auf eine längere Wartezeit ein. Doch überraschend schnell kommt Bewegung in die Sache: Bereits um 22 Uhr werden die wartenden Schiffe aufgefordert, sich für die Passage bereitzuhalten. Inzwischen ist es dunkel geworden. Wir schalten die Positionslichter ein und lichten den Anker. Der Straßenverkehr wird gestoppt, und die Brücke schwenkt langsam zur Seite. Anschließend ruft die Hafenbehörde jedes Schiff einzeln auf und legt die Reihenfolge für die Durchfahrt fest.
Nach und nach formiert sich eine Kolonne. Langsam nähern wir uns der Engstelle. Mit etwa 2,5 Knoten setzt die Strömung gegen uns, sodass wir ordentlich Drehzahl benötigen, um Jera sicher auf Kurs zu halten. Im Schritttempo passieren wir schließlich die schmale Passage. Auf beiden Seiten des Kanals verfolgen zahlreiche Schaulustige das nächtliche Spektakel.
Eine halbe Stunde später fällt unser Anker in der Chalkis Bay, etwa eine Seemeile nördlich der Brücke. Mit einem kühlen Bier stoßen wir auf die gelungene Passage an.
Geschafft! Ein weiterer Meilenstein auf unserem Weg in den Norden Griechenlands liegt hinter uns.
Nach den langen Etappen der vergangenen Tage und der nächtlichen Brückendurchfahrt gönnen wir uns einen entspannten Morgen. Der Wecker bleibt ausgeschaltet, und erst gegen 9 Uhr werden wir wach. Beim Kaffee besprechen wir die weitere Route. Schnell steht fest: Wir möchten weiter Strecke nach Norden machen.
Die ersten zwei Stunden läuft der Motor. Dann kündigt sich der Wind an. Zunächst erscheint am Horizont nur ein dunkles Band gekräuselten Wassers, wenig später wehen bereits 20 Knoten. Wir binden das zweite Reff ins Großsegel und setzen die Fock. Der Wind legt weiter zu. Böen bis 30 Knoten bringen Jera auf Halbwindkurs ordentlich in Schräglage. Deshalb gehen wir ins dritte Reff und verkleinern zusätzlich die Fock. Mit der reduzierten Segelfläche läuft das Schiff wieder ausgewogen und ruhig. Trotz kräftigem Wind und ruppigen Böen segeln wir entspannt mit rund sechs Knoten durchs Wasser. Die Bedingungen in diesem Teil Griechenlands sollte man nicht unterschätzen. Die Wettervorhersage hatte lediglich 15 Knoten angekündigt – tatsächlich weht es zeitweise doppelt so stark.
Nach rund drei Stunden lässt der Wind nach, kurz darauf beruhigt sich auch die See. Einige Seemeilen können wir noch mit der Genua zurücklegen, bevor schließlich wieder der Motor zum Einsatz kommt. Kurz vor 19 Uhr werfen wir den Anker in der Bucht von Istiea Edipsos. Mehr als 40 Seemeilen liegen hinter uns. Unser Wunschziel rückt nun in greifbare Nähe: der Golf von Volos und die nördlichen Sporaden.
Um 6 Uhr morgens lichten wir den Anker und nehmen das letzte Stück der Umrundung von Euböa in Angriff. Bei rund zehn Knoten Wind können wir bis zur Landspitze von Kavos gemütlich segeln. Nach deren Umrundung geht es unter Motor weiter. Unser heutiges Ziel ist Oreoi, ein kleiner Küstenort im Norden Euböas. Wenige Seemeilen vor dem Ziel kreuzen plötzlich zwei Tümmler unseren Kurs. Neugierig begleiten sie uns eine Weile und tauchen sogar unter dem Schiff hindurch.
Bereits gegen 11 Uhr fällt unser Anker südlich des Hafens. Schon während des Ankermanövers beobachten wir eine Mönchsrobbe. Nachdem der Motor verstummt ist, schwimmt sie bis auf wenige Meter an Jera heran. Schöner kann ein Landfall kaum sein.
Oreoi präsentiert sich als sympathischer kleiner Ort. Direkt am Hafen befinden sich zwei Supermärkte, eine Wäscherei und eine Tankstelle – alles, was man für die nächsten Etappen benötigt.









