Der Golf von Volos

Vor einigen Jahren planten wir einen zweiwöchigen Segeltörn vom Golf von Volos zu den nördlichen Sporaden. Das Schiff war bereits gechartert und die Flüge gebucht. Aufgrund der Covid-Beschränkungen musste dieser Urlaub damals jedoch abgesagt werden. Umso mehr freuen wir uns, die Region nun mit unserem eigenen Segelschiff erkunden zu können.

Von Oreoi segeln wir in den Golf von Volos zur kleinen Insel Palaio Trikeri. In der Phithos Bay legen wir erstmals mit Anker und Landleinen an. Die Bedingungen sind ideal: leichter, ablandiger Wind und ruhiges Wasser. Die Bucht ist in der Mitte recht tief und fällt zum Ufer hin steil an. Etwa 50 Meter vor dem Ufer lassen wir den Anker auf 15 Metern Wassertiefe fallen und fahren anschließend rückwärts Richtung Land. Bei fünf Metern Tiefe graben wir den Anker ein und halten die Jera mit eingelegtem Rückwärtsgang stabil. Mel schwimmt mit den Landleinen ans Ufer und befestigt sie dort. Das Manöver verläuft problemlos, und wir liegen perfekt.

Gemeinsam mit sechs griechischen Booten genießen wir hier ausgezeichneten Schutz vor Wind und Thermik. Die Bucht wirkt ursprünglich und ausgesprochen ruhig. Zum einzigen Ort der Insel ist es etwa ein Kilometer Fußweg. Dort gibt es zwei Tavernen und einen kleinen Minimarkt.

In den vergangenen Tagen haben wir viele Seemeilen zurückgelegt und einige anstrengende Etappen hinter uns gebracht. Nun sind wir in unserem Wunschrevier für diesen Sommer angekommen und können es deutlich ruhiger angehen lassen. Es tut gut, einmal länger an einem Ort zu bleiben – besonders in einer so idyllischen Bucht. Wir genießen den Schutz des Golfs von Volos, die angenehme Ruhe und das authentische Griechenland.

Wir nutzen die Zeit, um unseren Winterliegeplatz in einer Marina auf Lesbos zu reservieren. Damit haben wir für die nächsten vier Monate ein festes Ziel vor Augen und können unsere Route entsprechend planen.

Beim Frühstückskaffee studieren wir die Wetterprognosen. Für die kommende Woche ist kräftiger Nordwind angekündigt, danach sieht es günstig für die Überfahrt zu den nördlichen Sporaden aus. Bis dahin gibt es keinen Grund, unsere lieb gewonnene Bucht zu verlassen.

Heute wandern wir zum Monastery of Saint Mary the Evangelist. Um der Hitze zuvorzukommen, brechen wir bereits um halb sieben Uhr morgens zum Dorf auf, von wo der Weg zum Kloster abzweigt. Das historische Kloster liegt auf einem Hügel in der Mitte der Insel und blickt auf eine interessante Geschichte zurück. Der österreichische Aussteiger Alfons Hochhauser führte das Kloster gemeinsam mit seiner griechischen Frau Charikleia von 1957 bis 1969 als Hotel. Die Kirche erhöhte jedoch den Pachtzins so stark, dass sie das Projekt schließlich aufgeben mussten. Die Idee wurde anschließend von der Kirche weitergeführt, und noch heute können Besucher dort in einfachen Zimmern übernachten. Durch das offene Tor betreten wir den Klosterhof, in dessen Zentrum eine kleine Kirche steht. Eine ausführlichere Besichtigung wird uns jedoch leider nicht gestattet.

Die erhöhte Lage des Klosters eignet sich hervorragend für einige Luftaufnahmen. Ich starte die Drohne, steige auf 90 Meter Höhe und nehme beeindruckende Bilder auf. Plötzlich – ohne erkennbaren Grund – verliere ich die Kontrolle. Die Drohne beginnt zu trudeln und stürzt unkontrolliert ab. Auf dem Bildschirm kann ich den Absturz bis zum Aufprall verfolgen. Verdammt … Dank der Ortungsfunktion finden wir die Drohne schnell wieder. Äußerlich scheint sie unbeschädigt zu sein, doch sie lässt sich nicht mehr starten. Die Elektronik meldet mehrere Fehler. Schade – damit sind Luftaufnahmen vorerst Geschichte.

Die Wetterprognosen sagen für heute eine hohe Gewitterwahrscheinlichkeit voraus. Bei solchen Vorhersagen bereiten wir uns grundsätzlich vor und sichern alles an Deck. Wir unterhalten uns mit unserem Schiffsnachbarn Panos, der gemeinsam mit seiner Frau Maria und Bordhund Blue auf seinem Segelboot unterwegs ist. Panos ist ein erfahrener griechischer Segler und kennt das Gebiet bestens. Er erzählt uns vom guten Schutz im Golf von Volos, aber auch von Gewittern und plötzlichen Fallböen, die in den umliegenden Bergen entstehen können.

Am Nachmittag ziehen erste Wolken auf, und vereinzelte Regentropfen fallen. Vielleicht haben wir Glück und die Front zieht nur an uns vorbei … Während des Abendessens hören wir in der Ferne die ersten Donnerschläge. Kurz darauf zucken Blitze am Horizont, und die Abstände zwischen Blitz und Donner werden immer kürzer. Das Gewitter kommt direkt auf uns zu. Die Gewitterfront nähert sich wie eine graue Wand und verdunkelt die gesamte Bucht. Erste Böen fegen über das Wasser. Bereits bei 20 Knoten Wind reißt der Anker eines der Boote aus und das Schiff treibt auf uns zu. Zum Glück reagiert der Skipper schnell und holt den Anker rechtzeitig auf, bevor die Situation kritisch wird.

Neben Panos liegt ein rund 20 Meter langes Traditionsschiff eines deutschen Paares. Eine heftige Böe lässt eine der Landleinen reißen, und das schwere Schiff treibt direkt auf Panos zu. Dieser gibt Ankerkette frei, um dem manövrierunfähigen Schiff Platz zu verschaffen. Doch die nächste Böe erzeugt so viel Zug auf seinem Boot, dass er die Ankerwinsch nicht mehr stoppen kann. Nun treibt er selbst Richtung Ufer. Mit bloßen Händen bremst er die letzten Meter der auslaufenden Kette. Verzweifelt stemmt er sich gegen die enorme Kraft und bringt sein Schiff wenige Meter vor dem Ufer zum Stehen.

Inzwischen hat Maria den Motor gestartet und legt den Vorwärtsgang ein, um den Zug von der Kette zu nehmen und wieder Abstand zum Ufer zu gewinnen. Doch als Panos zuvor die Kette ausrauschen ließ, wurden die Heckleinen locker. Eine davon gerät in den Propeller und würgt den Motor sofort ab. Fassungslos stehen wir an Deck und beobachten das Geschehen. Bei diesen Bedingungen wäre es jedoch unverantwortlich, unser eigenes Schiff zu verlassen.

Wir bereiten eine Leine vor und verbinden ihr Schiff mit unserem. So verhindern wir, dass es weiter Richtung Ufer treibt. Nach einiger Zeit ist der Höhepunkt des Gewitters überstanden, und der Wind lässt spürbar nach.

Panos gelingt es schließlich, einige Meter Ankerkette einzuholen und sein Schiff wieder in tieferes Wasser zu ziehen. Anschließend taucht er unter sein Boot und schneidet die Leine aus dem Propeller. Die Verbindung zu unserem Schiff lassen wir zur Sicherheit über Nacht bestehen. Am nächsten Morgen kontrolliert Panos Motor und Antriebswelle. Dabei stellt er deutliche Vibrationen fest. Sein Segelurlaub ist damit vorerst beendet, und er lässt den Antrieb von einem Mechaniker überprüfen.