Die Insel Amorgos

Die Bucht von Livadi auf Schinoussa hat uns bei starkem Nordwind guten Schutz geboten. Nun ist es Zeit, weiterzusegeln. Mit 28 Knoten in den Böen ist der Wind zwar immer noch recht kräftig, soll im Tagesverlauf jedoch nachlassen. Mit dem Großsegel im dritten Reff und der Fock haben wir ausreichend Segelfläche, um mit rund sechs Knoten Fahrt voranzukommen.

Der Wind weht etwas östlicher als vorhergesagt, sodass wir zwei Kreuzschläge benötigen, um die Nordküste von Amorgos zu erreichen. Wir passieren die schmale Durchfahrt bei Gramvousa und gelangen in den Windschatten der Insel. Die Ankermöglichkeiten im Nordwesten von Amorgos sind bei der verbliebenen Dünung aus Nordosten nicht ideal. Deshalb beschließen wir, bis Katapola weiterzufahren.

Der Wind wird zunehmend schwächer, und die letzten Meilen legen wir unter Motor zurück. Die Strecke entlang der Nordküste erweist sich als anstrengend. Die steile Felsenküste erzeugt eine starke Reflexionswelle, die eine unangenehme Kreuzsee entstehen lässt. Die kurzen Wellen erreichen Höhen von bis zu zwei Metern und bringen die Jera ordentlich ins Rollen. Wir sind froh, als wir nach einer Stunde endlich den geschützten Bereich der Bucht von Katapola erreichen.

Um 19:30 Uhr fällt unser Anker vor dem Badebereich bei Rachidi. Später gehen wir noch an Land und lassen den Tag bei einem gemütlichen Abendessen ausklingen.

Nachdem wir gestern Wäsche gewaschen und unsere Vorräte aufgefüllt haben, steht heute eine Erkundungstour auf dem Programm. Mit dem Bus fahren wir zum beeindruckenden Kloster Chozoviotissa, das wie ein Schwalbennest an einer steilen Felswand klebt. Ein steiler Pfad führt hinauf zu den spektakulären Gebäuden, in denen auch einige Klosterräume besichtigt werden können.

Anschließend fahren wir in das Bergdorf Chora, den malerischen Hauptort von Amorgos. Wir schlendern durch das Labyrinth enger Gassen zwischen den typisch weiß-blauen Häusern. Viele der zahlreichen Tavernen haben noch geschlossen – die Saison scheint hier etwas später zu beginnen.

Für die kommenden Tage ist erneut starker Nordwind vorhergesagt. Daher verlegen wir uns zum Ankerplatz bei der kleinen Insel Nikouria.

Nach zwei Tagen lässt der Nordwind nach, und wir beschließen, zu unserem nächsten Ziel, der Insel Levitha, aufzubrechen. Als wir die Engstelle bei Agia Pavlos im Osten der Bucht ansteuern, kommt uns ein Charterschiff entgegen. Wir reduzieren die Geschwindigkeit, damit das Schiff die schmale Untiefe vor uns passieren kann. In der Durchfahrt muss ein 90-Grad-Bogen gefahren werden, um ausreichend Wassertiefe zu behalten. Auf beiden Seiten steigt der Grund rasch an.

Noch wundern wir uns über den sehr ufernahen Kurs, da läuft das Schiff bereits auf Grund. Zum Glück kann sich die Crew mit Rückwärtsfahrt wieder befreien. Und dann – kaum zu glauben – startet sie einen zweiten Versuch und läuft erneut auf Grund. Das arme Charterschiff …

Während die französische Crew das Schiff ein weiteres Mal freifährt, verlassen wir unsere Warteposition und steuern die westliche Ausfahrt der Bucht an. Zwischen Nikouria und der Felseninsel Atimo hindurch verlassen wir den Schutz der Bucht. Die zurückliegenden Starkwindtage haben eine erhebliche Strömung aufgebaut, und die Reflexionswellen der Felsküste von Amorgos verschärfen die Situation zusätzlich. Unter Motor schaffen wir gerade einmal zwei Knoten Fahrt gegen drei Meter hohe Wellen. Das sind keine Bedingungen für eine angenehme Überfahrt – wir brechen ab. Zurück in der geschützten Bucht werfen wir bei ruhigem Wasser und wenig Wind den Anker.

Wir verschieben die Überfahrt, bis sich die Bedingungen weiter beruhigt haben. Stattdessen fahren wir mit dem Bus nach Aigialis und unternehmen eine Wanderung zu den Bergdörfern im Hinterland. Vom Hafen führt ein alter Eselspfad hinauf zum Dorf Lagada. Oberhalb des Ortes liegt eine beeindruckende Kapelle in der Felswand, die über einen schmalen und steilen Steig erreichbar ist. Der Aufstieg zur Felsnische ist stellenweise recht abenteuerlich, doch der Ausblick über die Bucht von Aigialis ist die Mühe mehr als wert.

Nachdem wir wieder sicher abgestiegen sind, durchqueren wir das idyllische Dorf und erreichen am Ortsende den Verbindungsweg zu unserem nächsten Ziel, Tholaria. Der Pfad verläuft malerisch entlang des Berghangs durch eine reizvolle Naturlandschaft. Nur das Zirpen der Zikaden, das Rascheln von Eidechsen im Gebüsch und der Gesang der Vögel begleiten uns. Wir beobachten Falken, einen großen Schwarm Bienenfresser und sogar ein Storchenpaar hoch über uns.

Gegen 14 Uhr erreichen wir Tholaria. Der Schatten in den engen Gassen ist nun besonders willkommen. Mittlerweile wird es tagsüber schon recht warm, und bald dürfte es für längere Wanderungen zu heiß werden. Umso mehr schätzen wir die heutige Tour.

In einer Taverne kehren wir ein und stärken uns für den letzten Abschnitt unserer Wanderung hinunter nach Aigialis.