Die Nacht verläuft ruhig und wir holen den fehlenden Schlaf von Psara nach.
Am nächsten Morgen verlassen wir um 9 Uhr den Ankerplatz, als der Wind über die Hügel der Insel Tinos in die Bucht einfällt.Unser heutiges Ziel ist Finikas im Süden der Insel Syros – eine gemütliche Strecke von etwa 20 Seemeilen.
Bei leichtem Wind umrunden wir die Insel im Norden und segeln entlang der Westküste südwärts. Bereits um 13 Uhr erreichen wir den Ankerplatz. Der Ort Finikas liegt gut geschützt in einer Bucht. Genau diesen Schutz suchen wir, denn die Wetterprognosen für die kommenden Tage sind unerquicklich: Ab dem Wochenende wird starker Nordwind erwartet, der in Böen über 50 Knoten erreichen soll.
Für den nächsten Tag organisieren wir ein Mietauto, um die Insel zu erkunden. In Ermoupoli gibt es zudem gute Einkaufsmöglichkeiten und einen Waschsalon – damit lohnt sich die Miete gleich doppelt.Wir übernehmen das Auto in Finikas und fahren durch die hügelige Landschaft im Süden der Insel Richtung Ermoupoli. Schon bald eröffnet sich ein erster Blick auf die Bucht des Hauptortes. Ein schöner Stadthafen mit Promenade und prächtigen Häusern, daneben eine große Werft, eine Marina und ein Industriehafen mit alten Schiffskränen. Am Kai liegt ein riesiges Kreuzfahrtschiff, fast halb so groß wie die gesamte Stadt. Jeder Zentimeter der Bucht scheint verbaut, vieles wirkt überdimensioniert für die eigentlich recht kleine Insel – ein skurriles Bild.Ermoupoli wäre auch für uns eine Option gewesen. Nach dem, was wir hier sehen, sind wir jedoch froh, in der ruhigen Bucht im Süden zu ankern. Im Hintergrund, auf einem Hügel oberhalb der Stadt, liegt die mittelalterliche Siedlung Ano Syros. Sie soll unser erstes Ziel sein.Zeitgleich mit uns treffen mehrere Reisebusse mit Passagieren des Kreuzfahrtschiffes ein. Zum Glück können wir mit dem Auto näher am Dorf parken und haben so einen kleinen Vorsprung vor der anströmenden Menschenmenge. Das Dorf ist ein Labyrinth aus engen, verwinkelten Gassen. Die kleinen Häuser sind liebevoll restauriert, viele in den typischen Farben Weiß und Blau gestrichen. Echtes Dorfleben finden wir hier jedoch kaum. Statt kleiner Lebensmittelgeschäfte oder uriger Tavernen prägen Souvenirläden, Cafés und Restaurants das Bild. Für unseren Geschmack wirkt vieles etwas künstlich – gemacht für die Abfertigung großer Besuchermengen. Am höchsten Punkt des Hügels erreichen wir die Kathedrale Kathedrale St. Georg. Die Aussicht von hier oben ist großartig: Der Blick reicht über die gesamte Bucht bis zu den Nachbarinseln.Als wir das Tor zur Kirche öffnen, ist diese bis auf den letzten Platz mit Reisegruppen gefüllt. Für uns ist das der Moment, weiterzuziehen.
Der Norden der Insel wirkt dagegen weitgehend unberührt. Jetzt im Frühjahr zeigt sich das karge Hochland von Ano Meria von seiner schönsten Seite. Es blüht in allen Farben und der Duft von Thymian liegt in der Luft. Die Entfernungen auf der Insel sind überschaubar. Bereits am späten Nachmittag sind wir zurück in Ermoupoli und erledigen Wäsche und Einkauf. Auf der Rückfahrt nach Finikas machen wir noch einen Abstecher nach Kini, das laut Reiseführer ein uriges Fischerdorf sein soll. Doch offenbar kommen wir etwa 20 Jahre zu spät: Stattdessen finden wir einen touristisch geprägten Ort mit unzähligen Tavernen und Appartementhäusern. Sicher nett – aber weit entfernt von ursprünglich oder urig.Eine Stunde später ist das Auto zurückgegeben und die Seesäcke sind voller frischer Wäsche und neuer Vorräte an Bord verstaut.Am folgenden Tag genießen wir herrlich ruhige Bedingungen am Ankerplatz.
Eine leichte Brise aus Süden sorgt für angenehme Temperaturen. Ist das die Ruhe vor dem Sturm? Ab dem nächsten Morgen ändert sich die Situation. Dann soll starker Nordwind das Wettergeschehen für mehrere Tage bestimmen und uns vermutlich an Bord festhalten. Deshalb nutzen wir die Zeit noch für eine Wanderung entlang der Südküste von Finikas. Der Weg führt ein Stück den Hügel hinauf und bietet schöne Ausblicke auf die Ankerbucht und die südlich gelegenen Nachbarinseln.Zurück an Bord bereiten wir uns und Jera auf die kommenden Starkwindtage vor.Großsegel und Vorsegel werden zusätzlich gesichert, alle losen Gegenstände an Deck verstaut. Der Motorschlüssel steckt startklar im Zündschloss – für den Fall, dass der Anker an seine Grenzen kommt. Dann beginnt das Warten auf das Ungewisse und auf die Antworten wichtiger Fragen: Wie stark wird der Sturm tatsächlich? Wie gut geschützt ist unser Ankerplatz? Und wie zuverlässig hält der Anker?Am frühen Freitagmorgen geht es los. Der Wind frischt auf, bleibt mit rund 22 Knoten zunächst aber moderat. Der Schutz des Ankerplatzes scheint gut zu funktionieren. Tagsüber pendelt sich der Wind bei etwa 25 Knoten ein und unser Anker hält zuverlässig. Gegen Abend lässt der Wind nach und wir erleben eine vergleichsweise ruhige Nacht.Am nächsten Morgen pfeift der Wind durchs Rigg und lässt Jera ordentlich schaukeln. Wir messen Böen bis 30 Knoten. Der Wind nimmt jedoch nicht weiter zu und so bleibt sogar noch Zeit für etwas Schlaf. Am dritten Starkwindtag legt der Wind noch einmal deutlich zu und die Böen werden härter. An Bord wird es laut: Das Rigg heult und pfeift, Wasser gurgelt an der Bordwand, der Rumpf knarzt und die Ankerkette arbeitet schwer im Bugbeschlag. Der Halt des Ankers wird auf eine harte Probe gestellt – hält aber weiterhin bombenfest.An der Luvseite der Nachbarinseln Andros und Tinos werden Böen bis 49 Knoten gemessen. In unserer geschützten Bucht erreichen die Böen immerhin noch 36 Knoten.Der kräftige Wind hält bis nach Mitternacht an, doch die Abstände zwischen den Böen werden länger. Es beruhigt sich spürbar und wir beenden die Ankerwache. Die Starkwindtage sind überstanden – müde fallen wir in die Koje. Der tiefe Schlaf dauert am nächsten Morgen etwas länger und wir starten gemütlich in den Tag. Nach drei Tagen genießen wir es, endlich wieder von Bord gehen zu können. Nach einem ausgedehnten Spaziergang kaufen wir frische Lebensmittel ein. Morgen wollen wir weitersegeln.






