Um 06:30 Uhr werfen wir in Marmaro die Leinen los. Für heute ist Südwind angesagt. Unsere Route verläuft zunächst entlang der Nordküste von Chios, noch im Windschatten der Insel. Bis zum nordwestlichen Kap geht es deshalb unter Motor. Dort verlassen wir die schützende Abdeckung und erreichen den Wind. Bei guten 15 Knoten segeln wir am Wind mit rund sechs Knoten Fahrt.
Gerade noch schaffen wir genügend Höhe, um unter Segel auf die Südseite von Psara zu gelangen. Entlang der felsigen Küste segeln wir bis vor die Hafeneinfahrt, bergen dort die Segel und steuern unter Motor in den Hafen.
Bei der Einfahrt sollte man ausreichend Abstand zur grünen Tonne halten – dort ist es für Segelschiffe zu flach. In der Mitte des Fahrwassers passt die Wassertiefe jedoch gut.
An der Mole liegen bereits ein italienisches Segelboot und das Schiff der Coast Guard. Es bleibt nur noch Platz für ein weiteres Boot. Es kostet etwas Überwindung, an der unebenen Betonmole anzulegen, doch mit gut platzierten Fendern bleibt Jera ohne Schaden.
Kurze Zeit nach uns läuft ein weiteres Segelboot in den kleinen Hafen ein und kommt der grünen Tonne zu nahe. Mit lautem Krachen läuft das Schiff mitten im Fahrwasser auf Grund. Die Crew kann sich mit Motorkraft wieder freifahren – zum Glück scheint nichts Ernstes passiert zu sein.
Die Insel Psara entspricht genau unserem Geschmack. Sie liegt abseits der leicht erreichbaren Ziele Griechenlands und ist dadurch angenehm authentisch geblieben. Fast alle der rund 450 Inselbewohner leben im gleichnamigen Hauptort im Süden der Insel. Der wichtigste Wirtschaftszweig ist die Fischerei.
Am Nachmittag erkunden wir das Dorf. Es gibt ein kleines Lebensmittelgeschäft und einen noch kleineren Bäcker. Anschließend spazieren wir hinauf zur Kirche Agios Nikolaos Kirche auf dem Hügel an der Westküste. Von hier oben hat man einen schönen Blick auf den Ort und die kleine Nachbarinsel Antipsara. Danach wandern wir weiter zur nördlich gelegenen Bucht von Nikolaos.
Der Weg führt durch die unbewohnte, karge Landschaft abseits des Ortes Psara und wir genießen die herrliche Ruhe. Vereinzelt stehen kleine Hirtenhäuser und Kapellen in der Landschaft, während Ziegen und Schafe an den Hängen weiden. Zwei Windräder erzeugen fast lautlos Strom für die Insel.
Für den nächsten Tag planen wir eine Wanderung zum Leuchtturm am Kap Kap Agios Georgios. Gegen Mittag machen wir uns auf den Weg und spazieren vom Hafen durch das Dorf. Vom Straßenrand läuft plötzlich eine junge Katze auf uns zu und fordert laut miauend Streicheleinheiten ein. Sie ist vielleicht ein halbes Jahr alt, wirkt gepflegt und scheint ein gutes Zuhause zu haben.
Als wir weitergehen, begleitet sie uns. Mal läuft sie voraus und wartet auf uns, mal bleibt sie zurück und kommt wieder angelaufen. Nach gut einem Kilometer marschiert sie immer noch ganz selbstverständlich mit uns mit. Das Dorf liegt inzwischen weit hinter uns und langsam machen wir uns Sorgen: Wie soll das kleine Kätzchen den langen Weg zurückfinden? Offenbar fühlt auch sie sich zunehmend unwohl. Immer wenn wir weitergehen wollen, protestiert sie lautstark miauend. Schließlich beschließen wir, die Wanderung abzubrechen. Zufrieden stolziert die Katze gemeinsam mit uns zurück und bleibt stets in unserer Nähe. Erst kurz vor dem Hafen verabschiedet sie sich mit lautem Miauen und bleibt im Dorf zurück. Alle sind wohlbehalten zurückgekehrt – wir sind erleichtert 🙂
Statt der Wanderung setzen wir uns auf einen Kaffee in eine Taverne. In Griechenland wird heute der Feiertag zu Ehren von Agios Georgios gefeiert und gut gelaunte Einheimische sitzen bei Ouzo zusammen. Wir kommen mit ihnen ins Gespräch und Nikos erzählt uns die bewegende Geschichte hinter der großen Marmorstatue im Hafen.
Psara beteiligte sich an den griechischen Freiheitskämpfen und wurde im Jahr 1824 von osmanischen Truppen angegriffen. Viele Inselbewohner flohen zum Fort Paliokastro am Mavri Rachi, der „schwarzen Klippe“ im Süden des Ortes. Als es keinen Ausweg mehr gab, zündete Antonios Vratsanos das dortige Pulvermagazin, um der Gefangennahme zu entgehen. Die Explosion zerstörte das Fort und führte zum Tod der Verteidiger sowie zahlreicher osmanischer Soldaten. Beim Massaker von Psara kamen etwa 15.000 Inselbewohner ums Leben oder wurden versklavt. Die Worte „Freiheit oder Tod“ auf der Flagge von Psara gehen auf dieses Ereignis zurück. Die Statue Glory of Psara zeigt einen Engel, der die Namen der gefallenen Helden in einem Buch festhält.
Am nächsten Morgen starten wir einen zweiten Versuch, zum Leuchtturm am Kap Agios Georgios zu wandern und den Osten der Insel zu erkunden. Vorsichtig schleichen wir durchs Dorf, damit uns die anhängliche Katze diesmal nicht entdeckt 🙂
Diesmal bleiben wir unbemerkt und wandern entlang der Küste zum Lazareta Beach und anschließend landeinwärts. Auf dem staubigen Weg nähert sich ein alter Lieferwagen und hält neben uns – es ist Nikos. Er ist unterwegs zu seinen Hühnergehegen und sammelt frische Eier ein. Freundlich bietet er uns eine Dose voller Eier an, die wir auf dem Rückweg bei einem seiner Ställe abholen können. Auf die Frage nach dem Preis winkt er nur lachend ab: „It’s a gift!“
Unser Weg führt uns durch die hügelige und karge Landschaft der Insel. Jetzt im Frühling blüht es jedoch überall zwischen Thymian, Disteln und niedrigen Sträuchern. Außerdem entdecken wir interessante Vogelarten wie Pirol, Wiedehopf, Steinschmätzer und Eleonorenfalken.
Etwa einen Kilometer vor der Ostküste erreichen wir den Umkehrpunkt unserer Wanderung. Von hier aus haben wir einen schönen Blick auf den Leuchtturm von Kap Agios Georgios und auf Chios am Horizont.
Am späten Nachmittag kehren wir – mit zwanzig frischen Eiern unterm Arm – zurück zu unserer Jera.
Bereits am folgenden Tag verlassen wir den Hafen und gehen in der nahe gelegenen Ormos Limnos vor Anker. Von hier aus wollen wir am nächsten Morgen zur 55 Seemeilen langen Überfahrt nach Andros starten. Die große Ankerbucht vor dem Strand von Limnos ist gegen den herrschenden Nordwind gut geschützt. Allerdings drückt eine Strömung Jera regelmäßig quer zum Wind und lässt sie stark schaukeln. Der Schwell sorgt für eine laute Nacht an Bord und wenig Schlaf für die Crew.







