Die Insel Chios

Wie vorhergesagt haben wir am Morgen leichten Südwind und bereits eine auflandige Welle in der Bucht. Nach einem gemütlichen Frühstück gehen wir Anker auf und starten Richtung Marmaro im Norden von Chios. Den Großteil der zehn Seemeilen langen Strecke können wir entspannt segeln. Die Bucht von Marmaro ist bei den herrschenden Südwinden ideal geschützt und so fällt unser Anker vor dem kleinen Hafen.

Entgegen der Prognosen flaut der Südwind jedoch schon am späten Nachmittag ab und dreht über Westen auf Norden. Böen aus unterschiedlichen Richtungen lassen Jera um den Anker pendeln. Für die kommenden Stunden ist Nordwind angesagt – offenbar erreicht er uns früher als erwartet. Da die Bucht nach Norden offen ist, müssen wir den Ankerplatz verlassen. Mit dem letzten Tageslicht laufen wir in den Hafen von Marmaro ein und legen längsseits an der Mole an. Der Hafen bietet guten Schutz bei Wind aus allen Richtungen.

Am nächsten Morgen sitzen wir mit unserem Frühstückskaffee im Cockpit, als ein kleines Fischerboot in den Hafen kommt. Lautstark preisen die Fischer „fresco psari“ – frischen Fisch – an und bieten ihren Fang zum Verkauf an. Das lassen wir uns nicht entgehen und entscheiden uns für einen Great Amberjack, eine schöne Bernsteinmakrele.

Mittags spazieren wir ins drei Kilometer entfernte Dorf Kardamyla. Auf dem Rückweg besorgen wir typisch griechisches Gemüse für unser Abendessen: Blätter der Roten Rübe, Weißkraut, Brokkoli und Kartoffeln. Gemeinsam mit dem frischen Fisch wird daraus ein echtes Festmahl. Als es dunkel wird, treffen sich einige Angler auf der Kaimauer. Mit Taschenlampen beobachten sie aufmerksam das Hafenbecken und immer wieder entsteht plötzlich Aufregung. Dann sind Barrakudas in der Nähe und die Ruten fliegen ins Wasser. Mehrfach landet einer der wehrhaften Fische am Haken und schließlich auf dem Betonkai. Wir beobachten interessiert ihre Fangtechnik und bewundern den Fang. Einer der Angler zeigt uns freundlich seine Barrakudas und schenkt uns sogar ein junges Exemplar. Wir bedanken uns mit ein paar Dosen Bier. Ein spannendes Abendessen für den nächsten Tag ist damit gesichert.

Am folgenden Morgen treffen wir uns um 8 Uhr mit Vater und Sohn der Autovermietung und übernehmen unseren Mietwagen den wir am vorabend mitten am Dorfplatz bei George reserviert hatten. Daten werden ausgetauscht, vorhandene Schäden gemeinsam dokumentiert und schließlich bekommen wir den Autoschlüssel überreicht. Nur auf die Bezahlung wird vergessen …Als wir kurz darauf Richtung Hafen fahren, winkt uns plötzlich ein Mann vom Straßenrand zu. Wir halten an und entdecken das Mobiltelefon des Autovermieters auf der Kühlerhaube unseres Autos. Wenig später erreicht das Handy wieder seinen Besitzer und gleichzeitig wird auch das Finanzielle erledigt. Die Übergabezeit scheint für alle Beteiligten etwas zu früh gewesen zu sein 🙂

Nach einem Frühstück an Bord starten wir mit dem Auto Richtung Süden von Chios. Unser erstes Ziel ist das Mastix Museum. Mastix ist ein wertvolles Baumharz, das ausschließlich hier auf Chios gewonnen wird. Wir erfahren viel Interessantes über die Geschichte und Verarbeitung der sogenannten „Tränen von Chios“. Danach fahren wir weiter durch die hügelige Landschaft in Richtung Süden zur Tropfsteinhöhle von Olimpi-Höhle. Leider ist die Höhle derzeit für Besucher geschlossen und so machen wir stattdessen einen Abstecher zur schönen Bucht von Dynami an der Südwestküste.Auf dem Rückweg fahren wir über Chios-Stadt zurück nach Marmaro. Am Abend landet schließlich der Barrakuda in der Pfanne.

Am zweiten Tag unseres kleinen Roadtrips besuchen wir das Kloster Nea Moni. Das byzantinische Kloster aus dem 11. Jahrhundert ist für seine beeindruckenden Mosaike bekannt und gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Dabei spielt es keine Rolle, ob man gläubig ist oder welcher Religion man angehört – die besondere Atmosphäre solcher Orte beeindruckt uns jedes Mal aufs Neue. Vom Kloster fahren wir weiter zu den beiden „Geisterdörfern“ Avgonyma und Anavatos. Beide Orte wurden während des griechischen Unabhängigkeitskrieges im 19. Jahrhundert von osmanischen Truppen angegriffen und anschließend von ihren Bewohnern verlassen. Teile von Anavatos wurden zusätzlich durch ein Erdbeben im Jahr 1881 zerstört. Besonders beeindruckend ist die spektakuläre Lage von Anavatos auf einem rund 450 Meter hohen Felsen.

Der Rückweg führt uns schließlich durch den gebirgigen Norden der Insel. Der höchste Berg von Chios ragt über 1.200 Meter in den Himmel.