Um 5 Uhr früh klingelt der Wecker, eine halbe Stunde später krabbeln wir aus der Koje. Es ist noch dunkel und mit 14 Grad recht kühl. Während Mel Kaffee und Tee für unterwegs vorbereitet, mache ich Jera startklar für die Abfahrt. Im Osten beginnt es langsam zu dämmern, als wir aus der Bucht steuern. Bei leichtem Nordostwind setzen wir das Großsegel und baumen die Genua aus. Unser Kurs führt zunächst Richtung Südwesten, um ausreichend Abstand zur türkischen Küste zu halten. Mit jeder Meile, die uns weiter aus der Landabdeckung von Lesbos hinausführt, wird der Wind besser.
Am späten Vormittag liegt bereits die halbe Strecke hinter uns. Der scheinbare Wind hat inzwischen auf 17 Knoten zugenommen und wir rauschen mit sieben Knoten Fahrt durchs Wasser. Kurz darauf steigt der Wind weiter auf 21 Knoten an und wir verkleinern die Segelfläche. Auf einem angenehmen raumschoten Kurs segeln wir unserem Ziel entgegen.
Vor der Durchfahrt zwischen Chios und Inousses lässt der Wind wieder nach und wir gleiten entspannt durch die Passage. Danach steuern wir unter Segel direkt zur Bucht von Bilali. Dort gehen wir im Windschatten der Insel vor Anker.
Eine wunderschöne Überfahrt liegt hinter uns – mit etwas mehr Wind als angekündigt, dafür aber perfekten Segelbedingungen.
Die Inselgruppe von Inousses besteht aus mehreren kleinen Inseln und Felsen, doch alle rund 800 Bewohner leben auf der Hauptinsel. An diesem Wochenende wird das orthodoxe Osterfest gefeiert. Unser Ankerplatz liegt nahe am Hauptort und bis spät in die Nacht hören wir Gesänge, Böller und Feuerwerk.
Am nächsten Morgen fahren wir nach dem Frühstück mit dem Dinghy an Land und spazieren hinüber zum Hauptort der Insel. Inousses ist die Heimat bedeutender Reederfamilien. Die vielen gepflegten Häuser und der saubere Hafen mit seinen Seefahrerstatuen zeugen vom Wohlstand der Insel. Selbst ein Stadion aus Naturstein mit rund 1.000 Sitzplätzen findet man nicht auf jeder kleinen Insel. Tourismus spielt hier dagegen nur eine untergeordnete Rolle.
Wir gönnen uns einen Freddo Espresso im Café am Dorfplatz und sind dort die einzigen Fremden. Schnell kommen wir mit einem älteren Herrn am Nebentisch ins Gespräch. Er erkennt uns sofort als die Segler aus der Nachbarbucht – hier bleibt offenbar nichts verborgen. Der freundliche Mann ist pensionierter Berufskapitän und erzählt uns von seiner Atlantiküberquerung auf einem Segelschiff. Nach dem Kaffee wandern wir entlang der Küstenstraße Richtung Westen bis zum Monastiri Oinouson, einer großen Klosteranlage. Leider ist während der hohen Osterfeiertage keine Besichtigung möglich und so bleibt es bei einigen neugierigen Blicken über die Klostermauer. Der Rückweg führt uns über die höchsten Punkte der Insel und bietet schöne Ausblicke in alle Richtungen. Wir begegnen keinem einzigen Menschen – nur freilaufende Schafe und Ziegen scheinen sich über die fremden Gesichter zu wundern.Am späten Nachmittag sind wir zurück an Bord. Mel nutzt die warme Sonne für einen Sprung ins nur 16 Grad kalte Meer. Mir reicht eine Dusche mit angenehm temperiertem Wasser 😉.
Am nächsten Tag, nach einer ruhigen Nacht vor Anker, fahren wir mit dem Dinghy direkt in den Stadthafen. Von dort spazieren wir durch das Dorf Richtung Osten, vorbei an einer kleinen Bucht und weiter hinauf auf einen Hügel mit schöner Aussicht auf die Nachbarinseln und die türkische Küste. Der Weg führt uns anschließend an die felsige Nordküste und in einem weiten Bogen zurück in den Ort.
Am nächsten Tag soll der Wind auf Süd drehen. Dann wird unser Ankerplatz ungemütlich. Es ist Zeit, Inousses zu verlassen.







