Die Insel Lesbos

Während der Nordwindtage liegen wir gut geschützt vor dem kleinen Ort Skala Kallonis. Dort gibt es zwei kleine Lebensmittelgeschäfte sowie einige Tavernen. Wir erkunden das Hinterland und wandern durch die ruhige, naturnahe Umgebung.

Nach drei Tagen Meltemi ändern sich die Bedingungen. Nun überwiegt die Thermik, und ab Mittag kommt der Wind aus Süden und bringt auflandige Wellen. Es ist Zeit, den Ankerplatz zu verlassen. Wir segeln 8 Seemeilen südwärts und finden einen guten Ankerplatz in der Aphotikes Bay am Eingang des Golfs von Kallonis. Vor dem kleinen Fischerort Apothika liegt man bei diesen Bedingungen sehr gut. Von hier aus haben wir auch einen idealen Ausgangspunkt für die Weiterfahrt. Zu unserem Glück hat die einzige Taverne im Ort geöffnet. Hier wird zu dieser Jahreszeit nämlich nur sonntags gekocht, dann aber gut besucht von Einheimischen. Es gibt gutes Essen zu einem fairen Preis.

Eine kleine Wanderung führt uns zu einer interessanten Steinmauer inmitten karger Schafsweiden. Die Steine stammen von einem antiken Heiligtum.

Am nächsten Tag bestimmen die Wetterprognosen erneut unsere Routenplanung. Ein großes Tiefdruckgebiet zieht von Westen auf uns zu, dessen Kern nördlich vorbeiziehen und starke Gewitter bringen soll.

Aus den ionischen Inseln werden bereits Starkregen und Überschwemmungen gemeldet. Eigentlich wären wir gerne zur Westküste gesegelt, doch bei dieser Vorhersage ändern wir unseren Plan und laufen die Gera-Bucht im Osten an. Diese bietet gute Ankermöglichkeiten und Schutz vor Wind aus allen Richtungen. Am späten Vormittag verlassen wir die Aphotikes Bay, segeln aus dem Golf von Kallonis und anschließend entlang der Südküste ostwärts.

Am Nachmittag erreichen wir die Höhe der Bucht von Gera.Die Ansteuerung ist wunderschön: Man fährt zwischen kleinen Felsinseln auf die Küste zu, passiert zwei Untiefen und umrundet ein weit ins Fahrwasser ragendes Riff, bevor sich die schmale, fjordartige Zufahrt zeigt. Die verwinkelte Einfahrt bietet in der Bucht guten Schutz vor Wellen aus südlichen Richtungen. Beim Auslaufen sollte jedoch kein starker Südwind herrschen, da sonst unangenehme Brandung entstehen kann. Etwa zwei Seemeilen nach der Einfahrt liegt der Ankerplatz von Skala Loutra.

In der kommenden Nacht erreicht uns die Front des Tiefdruckgebiets. Das Satellitenbild zeigt ein gewaltiges Wolkenband über der westlichen Ägäis. Der griechische Wetterdienst gibt die höchste Warnstufe aus und rechnet mit starken Gewittern, Sturmböen, Starkregen und Hagel. Wir bereiten Schiff und Crew bestmöglich vor. Da das Unwetter aus Südwesten kommt, fahren wir den Anker mit hoher Motordrehzahl ein. An Deck wird alles gesichert. Die Bimini wird abgebaut, die Kuchenbude aufgebaut, sodass wir bei Regen ein trockenes Cockpit für die Ankerwache haben. Danach gehen wir an Land und nutzen die letzten ruhigen Stunden für einen Spaziergang. Zurück an Bord gibt es ein gutes Abendessen, dann beginnt das Warten. Wir verfolgen regelmäßig Wetterbericht, Satellitenbilder und Blitzortungen. Die Front nähert sich unaufhaltsam. Um Mitternacht beginnt Wetterleuchten am westlichen Horizont, kurz darauf ist Donnergrollen zu hören. Es ist vollkommen windstill, als die ersten Regentropfen auf die Kuchenbude fallen. Der erste Blitz erhellt die Bucht, Sekunden später folgt der Donner in der Stille der Nacht. Zeitgleich öffnet der Himmel seine Schleusen. Wir rechnen jederzeit mit Sturmböen und starten vorsichtshalber den Motor. Rund um uns zucken Blitze, der Donner rollt ununterbrochen. Einige Einschläge liegen gefühlt sehr nahe, das Wasser und das Schiff vibrieren. In solchen Momenten spürt man die Kraft der Natur und das Verhältnis menschlicher Größe in dieser Umgebung. Der Windmesser zeigt weiterhin kaum Bewegung.

Nach etwa einer Stunde zieht die Gewitterfront weiter nach Osten. Der Regen lässt nach, und erstaunlicherweise bleibt der Wind aus. Wir stoppen den Motor, schalten die Instrumente aus, ziehen das unbenutzte Ölzeug aus und verkriechen uns in die Koje. Alles ist gut überstanden.

Am nächsten Morgen hat sich das Wetter beruhigt. Es regnet nur noch gelegentlich, der Wind ist mäßig. Am Nachmittag lockern die Wolken zunehmend auf, und die Sonne zeigt sich wieder.

Die Wetterwarnungen sind aufgehoben, die Prognosen sind günstig. Wir sind erleichtert, dass alles gut verlaufen ist. Am späten Abend gehen wir schlafen, es gibt einiges an Schlaf nachzuholen. Einige Stunden später schreckt uns ein Knall aus dem Schlaf. Noch bevor wir realisieren, was passiert, erhellt ein Blitz die Koje, der Donner folgt zeitgleich. Der Regen prasselt in Strömen auf das Deck. Wieder ein Gewitter, direkt über uns. Mel springt sofort aus dem Bett und ist bereits im Ölzeug, ich folge noch etwas verschlafen. Erste Windböen drücken seitlich auf Jera. Noch während ich mich anziehe, beruhigt sich alles wieder. Zum Glück nur eine kleine Gewitterzelle. Also wieder zurück ins Bett.

Zwei Tage später bleibt die labile Wetterlage bestehen, das nächste Tief ist bereits im Anmarsch und wird uns in der kommenden Nacht erreichen. Wir kennen den Schutz der Bucht von Skala Loutra und bleiben auch für dieses Unwetter hier.

Wie angekündigt erreicht uns die Kaltfront am Abend. Gegen 21 Uhr beginnt es zu regnen, gegen 1 Uhr ziehen Gewitter durch. Der Schutz in Skala Loutra erweist sich erneut als sehr gut, die Windböen erreichen maximal 20 Knoten.

Drei Tage später ist es ungemütlich: Dauerregen und kühle Temperaturen. Am Abend haben wir nur noch 19 °C im Schiff. Früh verziehe ich mich mit einem Buch in die Koje und wärme mich unter der Decke. Zwei von Jack Londons Südseegeschichten reichen, bis meine Füße wieder warm sind.