Rund um Lesbos

Über unserer Koje befindet sich eine Luke. Der erste Blick nach dem Aufwachen fällt immer durch dieses kleine Fenster – und oft entscheidet sich genau in diesem Moment, ob wir motiviert aufstehen oder uns noch einmal umdrehen.

Heute liegt Wasser auf der Scheibe, darüber nur graue Wolken. Aber … kein Regen! Das reicht uns als Motivation. Also raus aus den Federn und alles vorbereiten für den Start.

Um 10 Uhr gehen wir Anker auf und verlassen Skala Loutra.

Schon in der Ausfahrt aus dem Golf von Gera setzen wir das Großsegel – allerdings eher zum Trocknen nach den vergangenen Regentagen als zum eigentlichen Segeln.

Erst an der Südküste begrüßt uns leichter Wind, und von dort an segeln wir gemütlich rund um das südöstliche Kap.

Wir freuen uns, endlich wieder unterwegs zu sein, und sind auch ein wenig stolz darauf, während der Unwetter der vergangenen Tage nicht in einen Hafen geflüchtet zu sein.

Am Kap dreht der Wind auf Ost, sodass wir mit gleichem Windwinkel perfekt nach Norden weitersegeln können. Zusätzlich bekommen wir dort noch eine halbe bis eine ganze Knoten Strömung mit.

Es läuft deutlich besser als erwartet. Mit Blick auf Mytilini und das nahe türkische Festland im Osten segeln wir entspannt weiter entlang der Küste.

Acht Meilen vor Pedi, unserem Tagesziel, schläft der Wind schließlich ein, und wir starten den Motor.

In der Bucht von Pedi beobachten wir Delfine bei der Jagd auf einen Fischschwarm. Das Wasser scheint regelrecht zu kochen, darüber kreisen Möwen, Sturmtaucher und Kormorane. Auch sie holen sich ihren Anteil an der Beute.

Um 17 Uhr fällt nach fast 30 Seemeilen unser Anker. Am Abend gehen wir noch an Land und besuchen die Taverne To Kamini.

Das Essen ist in Ordnung, die Gesellschaft dafür umso netter: Zwei Katzen und ein freundliches Dobermann-Weibchen helfen uns engagiert beim Abendessen 🙂

Am nächsten Morgen steuern wir aus der Bucht hinaus, vorbei an der kleinen vorgelagerten Insel Barmpalias.

Leider bleibt der Wind erneut aus, und so geht es unter Motor weiter Richtung Norden der Insel.

Im Hafen von Mithymna legen wir längsseits an der Kaimauer an. Außer uns liegt nur noch ein weiteres Segelschiff im Hafen.

Mithymna ist wunderschön. Die Burg hoch oben auf dem Hügel, die traditionellen Steinhäuser an den Hängen und die engen Gassen verleihen dem Ort einen ganz besonderen Charme.

Einige Tage später verlässt auch das zweite Segelschiff den kleinen Hafen. Nun liegen wir allein mit den Fischern an der Kaimauer.

Wir kommen mit einem Einheimischen ins Gespräch. Er erzählt uns, dass Mithymna in der Hauptsaison völlig überlaufen sei. Jetzt, Mitte Oktober, seien nur noch wenige Touristen hier. Im Winter wirke der Ort dann fast ausgestorben, viele Geschäfte und Tavernen bleiben geschlossen.

Ein paar Tage später benötigen wir Diesel. Wie in vielen griechischen Häfen üblich, wird der Treibstoff mit einem Tankwagen direkt zum Schiff geliefert.

Nach telefonischer Absprache vereinbaren wir die Lieferung in Petra.

Von Mithymna aus fahren wir die kurzen 2,5 Seemeilen nach Petra und liegen dort als einziges Segelschiff gemeinsam mit der Coast Guard und den Fischern an der Kaimauer. Alle begegnen uns freundlich und entspannt – sogar die Crew eines rund 30 Meter langen Fischkutters, der weniger als drei Meter hinter Jera festmachen muss. Kein besonders schöner Hafen, aber ein sehr authentischer Ort.

Am nächsten Morgen legen wir in Petra ab und segeln entlang der Nordküste Richtung Westen.

Nach der kleinen Insel Nisida Petra, auch Rabbit Island genannt, setzen wir die Segel. Der Wind ist mit acht Knoten zwar eher schwach, doch auf Halbwindkurs kommen wir gemütlich mit drei bis vier Knoten Fahrt voran.

Ab dem nordwestlichen Kap nimmt der Wind deutlich zu. Wir wechseln auf Vorwindkurs und segeln mit ausgebaumter Genua und Großsegel im Schmetterling nach Süden bis vor den Kanal nördlich der Insel Megalonisi.

Die Durchfahrt mit ausreichender Tiefe ist dort allerdings recht schmal. Unter voller Besegelung ist uns das zu riskant. Deshalb rollen wir die Genua ein und passieren den Kanal nur unter Großsegel, während der Motor zur Sicherheit ausgekuppelt mitläuft.

Schließlich erreichen wir Sigri und entscheiden uns für den Ankerplatz südlich des Ortes. Dort liegen wir gut geschützt vor dem vorherrschenden Nordwind.

Am folgenden Vormittag weht am Ankerplatz nur leichter Wind. Wir fahren an Land und erkunden Sigri. Jetzt im Oktober ist der Ort angenehm ruhig, nur wenige Lokale haben noch geöffnet.

Eine der größten Besonderheiten von Lesbos befindet sich ganz in der Nähe: der versteinerte Wald.

Vor rund 20 Millionen Jahren wurde hier ein ganzes Ökosystem unter Vulkanasche begraben und dadurch konserviert. Viele der versteinerten Bäume stehen noch heute aufrecht mitsamt ihren Wurzeln an ihrem ursprünglichen Platz.

Am nächsten Tag wandern wir von Sigri bis zum nördlichen Ende der Bucht.

Hier läuft gerade die Olivenernte auf Hochtouren. Frisch gepresstes Olivenöl fließt direkt aus der Presse in einen Tankwagen.

Zurück in Sigri haben wir rund zehn Kilometer in den Beinen und stärken uns anschließend in der gemütlichen Taverne Plaza.

Einige Tage später kreuzen wir schließlich den Kurs unserer ersten Ansteuerung und vollenden damit die Umrundung von Lesbos.

Damals waren wir von Thassos kommend direkt in die Bucht von Kallonis gesegelt, weil uns Starkwind im Nacken saß. Diesmal sind die Bedingungen deutlich entspannter, und wir können uns Zeit für die Südküste nehmen.

Unser Anker fällt vor dem Sandstrand und den bunten Häusern von Erassos. Einige Gebäude stehen auf Stelzen direkt über dem Strand, und die ganze Gegend erinnert ein wenig an karibische Küstenorte.

Wir gehen an Land und spazieren durch das Dorf. Zu dieser Jahreszeit ist es sehr ruhig, die meisten Tavernen haben bereits geschlossen. Die große Zahl der Lokale lässt jedoch gut erahnen, wie belebt der Ort im Sommer sein muss.