Überfahrt nach Lesbos

Eigentlich wollten wir von Thassos weiter zur Insel Samothraki segeln und erst danach wieder Kurs Richtung Süden nehmen.

Leider hat sich die Wetterprognose deutlich verschlechtert. Gegen Ende der Woche ist nun starker Meltemi angesagt, der anschließend mehrere Tage anhalten soll.

Samothraki liegt genau in der Düse des Meltemi und bietet nur sehr eingeschränkte Schutzmöglichkeiten. Bei den vorhergesagten Bedingungen möchten wir dort keinesfalls festsitzen.

Also ändern wir unseren Plan und beschließen, direkt nach Lesbos zu segeln. Dort gibt es gute und geschützte Ankerplätze, außerdem nähern wir uns damit bereits gemütlich unserem Winterliegeplatz in Mytilini.

Nach dem netten und feuchtfröhlichen Abend mit Klaus und Yvonne bleiben uns gerade einmal vier Stunden Schlaf. Bereits um halb fünf Uhr morgens klettern wir wieder aus der Koje und gehen Anker auf.

Das Wetterfenster für die rund 130 Seemeilen lange Überfahrt lässt uns kaum Spielraum.

Unsere Route führt zunächst entlang der Westküste von Thassos nach Süden, danach folgt die längere Passage Richtung Limnos. Auf Höhe von Limnos hätten wir ungefähr die halbe Strecke geschafft und könnten dort notfalls eine Pause einlegen, falls die Bedingungen nicht mehr passen sollten. Läuft jedoch alles wie geplant, wollen wir Limnos an Backbord liegen lassen und direkt weiter nach Lesbos segeln.

Sobald wir die schützende Abdeckung von Thassos verlassen, erwartet uns kräftiger Wind mit rund 18 Knoten. Auf Halbwindkurs laufen wir zügig dahin, allerdings baut sich von der Seite eine hohe Windwelle auf. Einzelne Wellen erreichen dabei über 2,5 Meter Höhe.

In diesem Seegebiet herrscht zusätzlich eine starke Strömung, die von vorne eine unangenehme Strömungswelle erzeugt. Dadurch entsteht ein konfuses Wellenbild, das Jera immer wieder aus dem Rhythmus bringt. Jedes Mal, wenn wir in einen steilen Wellenberg eintauchen, verlieren wir deutlich an Fahrt.

Etwa 15 Meilen vor Limnos endet der schaukelige Ritt abrupt. Der Wind schläft ein, die Wellen beruhigen sich, und wir starten den Motor.

Es bringt keinen wirklichen Vorteil mehr, Limnos anzulaufen, denn auch für den nächsten Tag ist kaum Wind vorhergesagt. Deshalb entscheiden wir uns, direkt bis Lesbos durchzufahren. Die zusätzliche Zeit möchten wir lieber dort nutzen, um rechtzeitig einen guten und geschützten Ankerplatz für den kommenden Starkwind zu finden.

So motoren wir dem Sonnenuntergang entgegen. Die Nachtfahrt ist abwechslungsreich und spannend: Wir queren den stark befahrenen Seeweg Richtung Bosporus und begegnen zahlreichen Fischern mit ihren Schleppnetzen.

Gegen 4 Uhr morgens umrunden wir schließlich das südwestliche Kap von Lesbos und fahren im Dunkeln entlang der schwarzen Felsenküste der Südküste weiter. Mit der Dämmerung erreichen wir die Einfahrt zur Bucht von Kallonis.

Die scheinbar breite Einfahrt täuscht allerdings. Ausreichend Wassertiefe gibt es nur in einem schmalen, mit Bojen und Leuchtfeuern markierten Kanal. Nach der interessanten Ansteuerung öffnet sich die Bucht zu einem großen Golf von rund 18 Kilometern Länge und 8 Kilometern Breite.

Langsam geht die Sonne auf, und die kühle Herbstnacht weicht den ersten warmen Sonnenstrahlen. Am nördlichen Ende der Bucht werfen wir schließlich vor dem Strand von Skala Kallonis den Anker.

Die Überfahrt ist geschafft – wir haben Lesbos erreicht. Müde verdunkeln wir die Koje und holen erst einmal ein paar Stunden Schlaf nach.