Die Insel Thassos

Gegen Mittag fahren wir mit dem Dinghy zum Aliky Beach und spazieren entlang der Küste, vorbei an Mauern und Säulenresten einer antiken Kultstätte. Auf der Halbinsel Aliki wurde von etwa 700 v. Chr. bis 700 n. Chr. im großen Stil Marmor abgebaut. Die alten Steinbrüche zeugen noch heute von den beeindruckenden handwerklichen Fähigkeiten jener Zeit. Riesige Marmorquader wurden aus dem Fels geschnitten und direkt auf Schiffe verladen. Teile der damaligen Arbeitsbereiche liegen inzwischen unter Wasser.

Am nächsten Morgen verlassen wir die Aliky Bay. Unser Ziel ist der Hafen von Limenaria an der Westküste von Thassos.

Vor der Bucht bläst der Ostwind mit rund 20 Knoten. Nur mit der Fock segeln wir vor dem Wind Richtung Kap Salonikios. Nachdem wir das Kap umrundet haben, erreichen wir die Westküste von Thassos – und plötzlich zeigt sich ein völlig anderes Bild: kein Wind, spiegelglattes Wasser und eine wunderschön grüne Landschaft. Der dichte Wald reicht hier bis direkt an den Strand.

Eigentlich wollten wir bis Limenaria weitersegeln, doch bei diesem Anblick ändern wir spontan unseren Plan. Gleich die erste Bucht wirkt einladend, und so werfen wir den Anker vor dem kleinen Strand von Salonikios. Vom Land aus ist dieser Strand nur über einen abenteuerlichen Weg erreichbar, entsprechend ruhig geht es hier zu. Die Atmosphäre ist entspannt und angenehm ruhig.

Am Nachmittag erleben wir allerdings eine Szene, die für einigen Ärger sorgt – und wie könnte es anders sein: mit einem Rentalboat.

Zwei dieser Boote fahren mit hoher Geschwindigkeit und lauter Musik direkt bis an den Strand. Eine Gruppe junger Männer und Frauen springt mit Getränken in der Hand grölend und tanzend an Land und verwandelt die idyllische Bucht kurzerhand in eine Partyzone – völlig ohne Rücksicht auf die ruhesuchenden Menschen am Strand.

Nach etwa einer halben Stunde legen die kleinen Motorboote wieder ab. Eines der Boote steuert direkt auf uns zu und beginnt, mit hoher Geschwindigkeit Kreise um uns zu fahren. Zum Glück ist gerade niemand von uns im Wasser. Nach zwei Runden merkt der Fahrer offenbar, dass die Wellen seines leichten Motorbootes unserer schweren Jera nichts anhaben können, und düst schließlich davon.

Zum Glück kehrt danach sofort wieder Ruhe ein. Wie es hier wohl in der Hauptsaison zugeht, möchten wir uns lieber nicht vorstellen.

Am folgenden Tag wechseln wir in den Hafen von Limenaria. Die Einfahrt ist mit unseren 1,9 Metern Tiefgang durchaus spannend, denn wir können nur in einem sehr schmalen Bereich durch die enge Hafeneinfahrt navigieren. Auch im Hafenbecken selbst ist nur im äußeren Bereich ausreichend Tiefe vorhanden.

Wir gehen längsseits an die Kaimauer und bekommen tatkräftige Hilfe von Klaus. Er und seine Frau Yvonne liegen mit ihrer Nauticat Sitara ebenfalls im Hafen.

In Limenaria möchten wir uns ein Auto mieten und die Insel genauer erkunden. Hier im Hafen liegt Jera sicher, während wir unterwegs sind.

Am nächsten Vormittag holen wir unser Mietauto ab. Die Vorfreude ist groß, denn diesmal haben wir uns für einen Suzuki Jimny entschieden – einen robusten Geländewagen mit Allradantrieb.

Von Limenaria fahren wir hinauf in das Bergdorf Maries, wo unser Offroad-Abenteuer beginnt. Unser Ziel ist der höchste Punkt der Insel.

Über grobe, unbefestigte Wege führt die Strecke zunächst durch eine Schlucht bis zum Marie Waterfall, wo wir uns mit einem kühlen Bad erfrischen.

Danach windet sich der Bergweg immer weiter hinauf. Nach rund 15 Kilometern erreichen wir schließlich den Gipfel des Ipsarion auf 1.206 Metern Höhe. Sowohl der kleine Jeep als auch wir werden dabei ordentlich gefordert.

Der Ausblick von oben ist dafür umso beeindruckender. Im Westen erkennen wir den Berg Athos auf der Chalkidiki-Halbinsel, im Norden das nahe Festland, im Osten die Insel Samothraki und weit im Süden Limnos.

Auch die Abfahrt über die Offroad-Strecke macht großen Spaß. Verschwitzt und staubig erreichen wir schließlich wieder das Dorf Maries und sind dann doch froh, wieder Asphalt unter den Reifen zu haben.

Unser nächstes Ziel ist das Bergdorf Kazaviti, wo wir uns in der Taverne Vasilis mit gutem Essen stärken.

Zum Abschluss fahren wir noch nach Limenas Thasou ganz im Norden der Insel.

Auf dem Rückweg nutzen wir das Mietauto noch für einen größeren Einkauf, bevor wir es am späten Abend zurückgeben.

Als wir anschließend zum Schiff kommen, trauen wir unseren Augen kaum: Jeder freie Zentimeter am Kai ist inzwischen von Charterbooten belegt. Klaus kommt vorbei und berichtet vom Chaos des Tages. Eine Chartercrew war sogar an Bord unseres Schiffes, hat unsere Leinen gelöst und Jera verholt. Nun liegen sie mit Anker und Heckleinen nur wenige Zentimeter hinter uns an der Kaimauer.

Als der Wind stärker wird, beginnt ihr Anker zu rutschen. Das Schiff liegt schräg zu uns und drückt gegen unser Dinghy am Geräteträger. Wir müssen das Beiboot herunterlassen und als Stoßdämpfer zwischen die beiden Schiffe legen.

Irgendwann kehrt die Crew stark alkoholisiert von ihrem Landgang zurück und braucht lange, um ihr Schiff wieder richtig zu positionieren. Ein ausgesprochen rücksichtsloses Verhalten – aber zum Glück geht alles noch einmal gut aus.

Schon früh am nächsten Morgen beginnt reges Treiben im Hafen. Schiff für Schiff legt ab, und beinahe jedes Manöver sorgt für Stress, Diskussionen oder Probleme.

Eine deutsche Crew hat ihren Anker über den Mooringleinen einer Bootsvermietung ausgelegt. Als sie nun Anker auf gehen, beschädigen sie die im Grund verankerten Leinen. Der Vermieter weist höflich auf den Schaden hin, doch das Schiff verlässt fluchtartig den Hafen.

Kurz darauf legt ein Ausbildungsschiff ab, kommt dabei zu weit in den flachen Bereich des Hafens und läuft prompt auf Grund.

Auch die Crew unseres Nachbarschiffes ist inzwischen wieder nüchtern und verlässt schließlich den Hafen.

Mittags liegen nur noch vier Schiffe am Kai, und der Charterspuk ist für diese Woche vorbei.

Später verlassen auch wir gemeinsam mit Klaus und Yvonne von der Sitara den Hafen und ankern vor dem Strand von Rosogremos. Den Abend verbringen wir gemütlich zusammen an Bord der Jera.