Die Insel Limnos

Um 03:30 holt uns der Wecker aus dem Schlaf, 20 Minuten später gehen wir Anker auf. Der Mond ist bereits untergegangen und man erkennt nur die Umrisse der Halbinsel Athos in der Dunkelheit. Die Mönchsrepublik ist nur wenig beleuchtet, dadurch haben wir einen herrlichen Sternenhimmel ohne Fremdlicht. 

Die ersten 15 Meilen fahren wir unter Motor, trotzdem ist die Stimmung an Bord gut. Die Morgendämmerung taucht den Berg Athos in ständig wechselnden Farben, erst dunkelgrau, dann dunkelrot, dann alle Varianten von orange und gelb. 

Nach den lauten, anstrengenden Tagen auf den touristischen Halbinseln von Chaldidiki ist die Schönheit dieses Tagesanbruchs in der Einsamkeit des herrlichen Meeres ein Hochgenuss. Schweigend sitzen wir im Cockpit und lassen die Stimmung wirken. Genau solche Augenblicke sind der Grund, warum wir diese Reise, dieses Abenteuer machen und dieses Leben gewählt haben. 

Bei Sonnenaufgang erreichen wir das Windgebiet südlich von Athos, wir setzen das Groß und die Genua. Der Wind bläst konstant mit 13 bis 14 Knoten, wir segeln einen angenehmen Amwindkurs mit wenig Krängung. 

Nach 11 Stunden erreichen wir Mylina auf Limnos. Kurz vor dem Hafen bergen wir die Segel und fahren in das innere Hafenbecken. Dort fällt unser Anker. Eine perfekte Überfahrt liegt hinter uns! 

Am Abend gehen wir an Land und machen eine erste Erkundungstour durch den Ort Myrina.  

Vom Schiff aus wirkt der Ort recht klein, man sieht nur die wenigen Häuser entlang der Hafenpromenade. Wenn man jedoch in den Ort geht, entpuppt sich das Städtchen großzügig. Die malerischen, engen Gassen sind überspannt mit Bougainvillea-Ranken und bunten Tüchern. Man taucht ein in das Flair der kleine Geschäfte, Cafes und Tavernen. 

In Myrina gibt es einen gut sortierten Supermarkt und gleich nebenan einen tollen Obst- und Gemüseladen mit einer freundlichen Verkäuferin. Unser Kühlschrank wird anständig gefüllt 🙂 

Für die nächsten Tage ist Meltemi gemeldet, um 2 Uhr nachts beginnt der Wind und prüft mit Böen bis 30 Knoten den Halt unseres Ankers. Bis Nachmittag bleiben wir an Bord, dann nimmt der Wind ab. Wir nutzen die Zeit für einen Spaziergang hinauf zur Festung. Von dort hat man eine tolle Aussicht auf den Hafen und die Bucht. Nach dem Sonnenuntergang kehren wir im Gyrosrestaurant am Hafen ein bevor es zurück an Bord geht. 

Der Meltemi ist der im Sommer vorherrschende starke Nordwind in der Ägäis und Limnos liegt genau im Einflussgebiet. 

Wer hier her segelt sollte ausreichend Zeit einrechnen, denn eine Meltimiphase kann tagelang manchmal sogar wochenlang dauern und eine Weiterfahrt beschwerlich oder gar unmöglich machen. Es ist daher kein Ziel für Charterschiffe. 

Der Meltemi entsteht durch ein Zusammenspiel aus einem Hoch über dem Balkan und einem Hitzetief über dem östlichen Mittelmeer. Diese Druckdifferenz erzeugt eine Luftströmung aus dem Hoch in das Tief und wird zusätzlich durch die Geländeform des Festlandes und der Ägäis kanalisiert und beschleunigt. 

Heute nehmen wir uns ein Mietauto und erkunden am Landweg die Insel. Unser erstes Ziel ist dienNirdwestküste mit ihren weiten und rauhen Stränden. Der regelmäßige Meltemi zeichnet die Landschaft. Hier liegt die kleine Wüste Ammоthines, diе еinzige Wüste Griеchenlаnds. Wir wandern durch die Sanddünen und verbrennen uns die Füße im heißen Sand J 

Danach fahren wir über unbefestigte Wege zum Geopark Faraklo mit seinen einzigartigen, kugelförmigen Steinen. 

Im nordöstlichen Teil der Insel liegt ein großer Salzsee, der zu dieser Jahreszeit ausgetrocknet ist. Auf der weiten, schneeweißen Salzfläche fühlt man sich wie in einer anderen Welt. 

Bevor wir weiter segeln möchten wir noch unseren Dieseltank füllen. Der Treibstoff wird hier nach telefonischer Vereinbarung mit dem LKW an den Stadtkai geliefert. 

Wir müssen also vom Ankerplatz in den Stadthafen und römisch katholisch anlegen, das bedeitet mit Anker und Heckleinen. Dieses Manöver haben wir bisher vermieden, weil sich Jera rückwärts nicht so einfach steuern lässt. Aber heute müssen wir… und die Voraussetzungen sind gut: wenig Wind und viel Platz. 

In langsamer Fahrt nähern wir uns dem Hafen, bei etwa 40m Abstand werfen wir den Anker, fahren rückwärts an die Kaimauer und machen mit den Heckleinen fest. Das Manöver klappt gut und wir liegen fest im Hafen von Myrina. Vom Cockpit aus beobachten das rege Treiben an den Promenade. 

Pünktlich um 8 Uhr früh kommt der Tankwagen, wenig später ist Jera’s Dieseltank voll und wir verlassen den Stadthafen. Heute geht es entlang der Küste Richtung Süden in die kleine Bucht Vrachos Stivi. Die Bucht ist am Landweg schwierig zu erreichen und daher sehr naturbelassen. 

Wir erkunden mit Taucherbrille, Schnorchel und Flossen die Unterwasserwelt. Am Abend spazieren wir ein wenig ins Hinterland und genießen die herrliche Ruhe. Nur die Rufe der Eleonorenfalken und das Singen der Feldlärchen begleitet uns. Bei Sonnenuntergang sind wir zurück am Schiff und kühlen uns noch einmal im Meer ab. 

Plötzlich beginnt ein spektakuläres Schauspiel. Raubfische jagen einen Schwarm Sardinen in die Bucht. Als die kleinen Fische keinen Ausweg mehr sehen, springen sie in hohem Bogen aus dem Wasser. Ich bin bereits wieder am Schiff, aber Mel wird von einem Regen aus Sardinen getroffen. Schnell kommt auch Mel aus dem Wasser, wer weiß wer da jagt und was alles in sein Beuteschema passt 🙂 

Abgelegene und naturbelassene Orte wie dieser sind ganz nach unserem Geschmack und die Insel Limnos bietet einige solche Gegenden. 

Nach einer herrlich ruhigen Nacht und einem erholsamen Schlaf starten wir gemütlich in den Tag. Mel geht Schnorcheln, ich arbeite am Laptop. 

Mittags segelt die Motiva in die Bucht und ankert neben uns. Miles, Svetlana und Tochter Mila haben wir im Stadthafen von Myrina kennengelernt. Bei einem gemeinsamen Kaffee erzählt uns Miles erzählte uns von den schönen Inseln im Norden. 

Thassos soll wasserreich und grün sein, es gibt dort ganzjährig Wasserfälle. Die kleine Nachbarinsel Samothraki ist eigentlich ein Berg im Meer. 1.500m hoch und ideal zum Wandern. 

Nach dem Besuch auf der Motiva gehen wir Anker auf. Wir möchten weiter entlang der Südküste und in die Bucht von Kontias Dhiapori. Hier liegen wir recht gut geschützt, wenn morgen der Wind wieder stärker wird. 

3 Tage verbringen wir in der Bucht, machen Spaziergänge und besuchen die urige und gute Taverne Ouzo Menelaos. 

Heute wechseln wir zu einem Ankerplatz an der Südküste, vor dem Strand von Nea Koutali. Mit achterlichem Wind segeln wir aus der Bucht von Dhiapori, nach etwas mehr als einer Stunde ist der Anker wieder gesetzt. 

Von hier wandern wir zur Kapelle von Panagia Kakaviotissa auf einem 300m hohen Berg. Die Kapelle liegt knapp unterhalb des Gipfels, versteckt in einer Felsniesche. 

Der Aufstieg erinnert ein wenig an Tirol, ein schmaler Steig windet sich in Serpentinen durch die Felsen. Der schöne Aufstieg wird mit einer tollen Aussicht belohnt. 

Für den Rückweg wählen wir den sanfteren Hauptweg und wandern rund um den Berg zurück nach Nea Koutali. Nach 10km endet die schöne Wanderung am Strand unseres Ankerplatzes. 

Ursprünglich hatten wir die Inseln im Norden auf unserem Routenplan, nach unseren Erfahrungen von Chalkidiki jedoch gestrichen. Miles Infos machen uns jedoch wieder neugierig. Und die Wetterprognosen für die Überfahrt nach Thassos wären gut. 

Nach kurzer Überlegung entscheiden wir uns für den Norden, wir gehen Anker auf und segeln zurück nach Myrina. Dort kaufen wir frisches Obst und Gemüse und bereiten alles vor, um morgen früh zu starten. 

Um 5 Uhr früh geht es los, die 46 Seemeilen lange Überfahrt beginnt. 

Es ist noch dunkel, als wir aus dem Hafen fahren und Kurs Richtung Norden legen. Bei wenig Wind motoren wir entlang der Westküste von Limnos. 

Schon bald beginnt die Morgendämmerung und übermalt den Sternenhimmel mit wunderschönen Farben. Mit dem Tageslicht kommt auch der Wind und wir können eine gute Strecke segeln.

Als wir uns der Küste von Thassos nähern, begleiten uns einige Bottlenose Delfine. Was für eine Begrüßung! 

In der Bucht bei der Halbinsel Aliki fällt unser Anker auf 10m Tiefe in den Sand. Die schöne Bucht ist umrahmt von Marmorfelsen, am hinteren Ende ist ein kleiner Strand. Das Wasser ist herrlich klar und schön zum Schnorcheln.