Die Halbinseln von Chalkidiki

Die Prognosen melden Ostwind – ideale Bedingungen für die geplanten 50 Seemeilen nach Norden zur Halbinsel Chalkidiki. Um 3 Uhr früh gehen wir Anker auf und steuern zur schmalen Ausfahrt der Planitis Bay. Die dünne Sichel des Neumonds spendet kaum Licht, es ist stockdunkel. Mel steht am Bug und leuchtet mit der Taschenlampe abwechselnd nach Backbord und Steuerbord zum Ufer. Die Felsen wirken bedrohlich nah. In der Engstelle stampft Jera gegen die hohen Wellen, die der Ostwind hier aufbaut.

Wir sind erleichtert, als wir die schmale Passage hinter uns haben, und steuern hinaus auf See, weg von der auflandigen Welle. Der Wind bläst mit 18 bis 20 Knoten. Wir setzen das Großsegel im zweiten Reff und die Fock. Mit ausreichend Abstand zur Insel Kira Panagia nehmen wir Kurs nach Norden.

Die Windrichtung passt perfekt, und auf Halbwindkurs segeln wir mit rund 6 Knoten durch die Nacht. Der Wind baut eine beachtliche Welle auf: Anfangs sind es etwa 1,5 Meter, nach einer Stunde bereits über 2 Meter. Zudem laufen die Wellen konfus durcheinander. Neben der seitlichen Windwelle treffen uns immer wieder einzelne Wellen direkt von vorne und bremsen unsere Jera spürbar ab.

Langsam beginnt es zu dämmern, und die Farben des Tageslichts vertreiben die rabenschwarze Nacht. Nach drei Stunden ungemütlicher Kreuzsee lässt der Wind nach, und auch die Wellen werden flacher.

Am frühen Nachmittag erreichen wir Pefkochori auf der westlichen Halbinsel Chalkidiki und werfen den Anker rund 300 Meter vor der Küste.

Am Stadtstrand gibt es keinen freien Platz, um an Land zu gehen. An einem alten, halb verfallenen Fährsteg finden wir schließlich doch noch einen Platz für unser Dinghy.

Pefkochori ist ein gut besuchter, klassischer Urlaubsort. Wir finden alles, was wir brauchen – eine Self-Service-Laundry, einen gut sortierten Supermarkt und eine Bäckerei. Nach zwei Stunden an Land kehren wir mit sauberer Wäsche und frischen Lebensmitteln zurück aufs Schiff.

Der Ankerplatz bietet kaum Schutz vor Wind und Welle, doch die ruhigen Bedingungen erlauben es, über Nacht zu bleiben. Das Nachtleben von Pefkochori geht bis in die frühen Morgenstunden, doch die Müdigkeit nach der gestrigen Überfahrt lässt uns trotzdem gut schlafen.

Die drei Halbinseln von Chalkidiki heißen Kassandra, Sithonia und Athos. Unser Ankerplatz liegt auf der Ostseite des westlichsten Fingers, Kassandra. Am nächsten Morgen segeln wir zur mittleren Halbinsel und suchen uns dort eine ruhige und geschützte Bucht.

Der Wind soll erst gegen Mittag einsetzen, und unser Tagesziel liegt nur 12 Meilen entfernt – wir lassen es daher entspannt angehen. Nach einem späten Frühstück bereiten wir uns auf die Abfahrt vor. Gegen 11 Uhr wehen bereits 10 Knoten Wind über den Ankerplatz, Zeit zum Aufbrechen.

Mit jeder gesegelten Meile nimmt der Wind zu. Schon bald wechseln wir von der Genua auf die kleine Fock, später reffen wir zusätzlich das Großsegel. Die Bucht Diaporti North liegt gut geschützt vor dem herrschenden Südwind. Wir ankern im Lee der kleinen Insel Pounta.

Am Abend weht noch leichter Wind aus Südost, doch in der Nacht soll er auf Nordwest drehen und auf über 15 Knoten zunehmen. Deshalb verholen wir Jera auf die gegenüberliegende Seite der kleinen Insel und fahren den Anker gegen den aktuellen Südostwind ein. So liegen wir nach dem nächtlichen Winddreher in der richtigen Position.

Unser Ankerplatz liegt in wunderschöner Landschaft: sanfte Hügel, viel Natur und trotz Hochsommer überraschend grün. Dieser Küstenabschnitt ist kaum besiedelt.

Schon am nächsten Vormittag ziehen wir weiter – unser nächstes Ziel heißt Port Koufo. Gegen 11 Uhr gehen wir Anker auf und segeln bei leichtem Wind Richtung Süden. Die Bucht von Port Koufo erinnert an einen Fjord: Auf beiden Seiten der Einfahrt ragen hohe, steile Felswände aus dem Meer. Dahinter öffnet sich eine weite Bucht. Die Ankermöglichkeiten vor dem Ort Porto Koufo sind allerdings begrenzt, da das Wasser schnell sehr tief wird. Nach einer Runde entlang der Promenade und vorbei an den ankernden Schiffen entscheiden wir uns, nicht hierzubleiben.

Es ist noch früh genug, also haben wir genügend Zeit, weiter zur Ostseite der Halbinsel Sithonia zu segeln. Dort gibt es mehrere schöne Ankermöglichkeiten.

Rund ums Kap müssen wir zunächst gegen leichten Wind motoren, doch danach können wir wieder die Segel setzen. Anfangs kommen wir bei etwa 10 Knoten Wind nur langsam voran, doch schon bald frischt der Wind auf 18 Knoten auf. Auf raumen Kurs laufen wir mit rund 6 Knoten entlang der Ostküste Sithonias – vorbei an Kalamitsi, Sykia und Achlada. Nach der Landspitze von Rigas ändern wir den Kurs nach Nordwest und segeln auf Amwindkurs bis vor die Insel Diaporos.

Bevor wir den Anker werfen, grüßen wir im Vorbeifahren noch unsere Freunde Thomas und Erika. Sie liegen mit ihrer Luna Mermaid hier vor Anker. Hinter uns liegen 38 Seemeilen herrliches Segeln.

Am nächsten Tag segeln wir gemeinsam mit der Luna Mermaid 12 Meilen zu den Inseln von Ammouliani. Bei der Insel Drenia werfen wir den Anker. Mit dem Dinghy erkunden wir die umliegenden Inseln und schnorcheln stundenlang entlang der Strände und Felsküsten.

Nach einer ruhigen Nacht geht es weiter nach Ouranoupoli auf der Halbinsel Athos, den letzten frei zugänglichen Ort an der Grenze zur Mönchsrepublik Athos.

Wir ankern nördlich des Ortes und fahren mit dem Beiboot an den Strand beim Fischerhafen. Ouranoupoli ist ein wichtiger Versorgungsort für die Mönchsrepublik. Von hier aus werden die Klöster beliefert, außerdem verkaufen die Mönche hier ihre hochwertigen Produkte: Olivenöl, Honig, Gewürze sowie handgefertigte Ikonen und Kerzen. Der Grenzort ist ganz auf die zahlreichen Besucher ausgerichtet, die die Nähe zu Athos suchen.

Nach einem Spaziergang durch den Ort kehren wir in einer Taverne ein. Katzen streifen zwischen den Tischen umher, und ein alter Hund schleppt sich hechelnd in den Schatten der Sonnenschirme. Mel hat sofort eine Packung Hundefutter zur Hand, die der Hund dankbar annimmt. Auf einem Schild an der Tür der Taverne steht, dass hier Straßentiere respektiert werden. Das ist einer der Gründe, warum wir Griechenland lieben.

Am nächsten Tag möchten Thomas und Erika zurück in die Bucht bei der Insel Diaporos segeln. Wir beschließen sie zu begleiten, denn Thomas hat Geburtstag und da wollen wir die beiden nicht allein feiern lassen.

Den Großteil der Strecke können wir bei leichtem Wind gemütlich segeln. In der Engstelle zwischen Festland und Insel Diaporos geht uns sogar noch ein kleiner Bonito an die Angel. Kurz darauf fällt unser Anker in der lebendigen Inselwelt.

Wir wechseln in die nahe Bucht von Dhimitraki hoffen wir auf mehr Ruhe. Gegen Abend verlassen die letzten Rentalboats die Bucht, und gemeinsam mit uns bleiben nur noch zwei weitere Segelschiffe zurück.

Nach einer herrlich ruhigen Nacht beginnt der Tag wunderbar idyllisch. Mit der Kaffeetasse in der Hand lauschen wir dem Gesang der Vögel.

Chalkidiki bietet wirklich wunderschöne Landschaften und traumhafte Sandstrände. Wer in der Haiptsaison hier her kommt, muss jedoch mit ordentlichem Trubel rechnen.

Regelmäßig prüfen wir die Wetterdaten und suchen nach einem passenden Zeitfenster für die Überfahrt nach Limnos. Die Strecke von rund 70 Meilen ist zwar überschaubar, führt jedoch mitten durch das Meltemi-Gebiet Nordgriechenlands. Deshalb planen wir die Überfahrt vorsichtig in zwei Etappen: zunächst 20 Meilen bis zur Bucht von Sykia am südöstlichen Ende Sithonias und anschließend – wenn die Bedingungen passen – weitere 50 Meilen bis Limnos. Für die zweite Etappe brauchen wir etwa 10 bis 12 Stunden stabile Bedingungen. Die Prognosen zeigen ein mögliches Wetterfenster in wenigen Tagen.

So unser Plan, doch noch liegen wir in Dhimitraki. Am frühen Abend verlassen die letzten Ausflugsboote die Bucht, doch damit ist der Tag noch nicht vorbei: Ein Segelschiff mit Skipper und acht jungen Frauen läuft ein und ankert direkt neben uns. Mit Drinks in der Hand wird zu lauter Musik getanzt. Wir hoffen zunächst, dass es nur ein kurzer Zwischenstopp ist. Doch wenig später wirft noch ein weiteres Schiff mit einer Gruppe junger Männer den Anker. Wir ahnen bereits, wohin das führt … Muskeln werden angespannt, Bikinis zurechtgerückt, erste Zurufe fliegen über das Wasser. Uns reicht es – wir beschließen bereits, die Bucht zu verlassen. Gerade als wir den Motor starten und den Anker vorbereiten, holen beide Partyschiffe gleichzeitig ihren Anker ein und verschwinden wieder. Noch einmal Glück gehabt.

Am nächsten Tag sieht das Wetterfenster für die Weiterfahrt weiterhin gut aus. Zwar ist nur wenig Wind angesagt, doch wenn man weiterwill, muss man Kompromisse eingehen.

Wir verlassen die Bucht von Dhimitraki, setzen die Segel und versuchen den schwachen Wind bestmöglich zu nutzen. Zwischendurch muss jedoch immer wieder der Motor unterstützen. Am frühen Nachmittag erreichen wir die weite Bucht von Sykia und ankern mit Blick auf den Strand.

Auch die Luna Mermaid legt hier einen Zwischenstopp ein, sie ist auf dem Weg zu den nördlichen Sporaden. Gemeinsam gehen wir noch einmal essen. Den folgenden Tag verbringen wir ebenfalls in Sykia, denn erst danach passt die Windrichtung für die Überfahrt nach Limnos. Wir nutzen die Zeit für eine Wanderung entlang der Küste und bereiten später alles für die bevorstehende Überfahrt vor.