Die Insel Kira Panagia

Gegen Mittag lösen wir die Landleinen, holen den Anker auf und verlassen die Bucht von Votsi. Der Wind kommt schräg von vorne aus Nordost, ist mit etwa 15 Knoten jedoch ideal. Wir kreuzen entlang der Südküste, passieren die Passage bei Peristera und erreichen schließlich das östliche Ende von Alonnisos. Dort schläft der Wind ein, und wir setzen die Fahrt unter Motor fort. Am späten Nachmittag erreichen wir Kira Panagia und steuern die Bucht an der Westseite der Insel an. Im südlichen Bereich werfen wir den Anker und genießen die herrliche Natur ringsum. Beim Schnorcheln entlang der Küste entdecken wir sogar einen Argonauten – einen äußerst seltenen Tintenfisch mit muschelähnlicher Schale. 

Nach einem eindrucksvollen Sonnenuntergang erscheinen die ersten Sterne, und schon bald spannt sich ein atemberaubender Sternenhimmel über uns. Kein Fremdlicht stört den Blick in die Nacht. 

Am nächsten Morgen fahren wir gegen halb zehn an Land und beginnen eine Wanderung zur Ostseite der Insel. Dort befindet sich ein Kloster, das besichtigt werden kann. Die gesamte Insel Kira Panagia gehört zur Mönchsrepublik Athos auf Chalkidiki. Bis zum Kloster sind rund fünf Kilometer und einige Höhenmeter zu bewältigen. Der Weg führt entlang der steilen Südküste und bietet beeindruckende Ausblicke auf die umliegenden Inseln. 

Staubig und verschwitzt erreichen wir schließlich das Kloster. Ein orthodoxer Mönch winkt uns sofort freundlich herein. In schwarzer Kutte, mit grauem Bart und langen Haaren steht er vor uns und fragt noch bevor wir etwas sagen können, ob Englisch für uns in Ordnung sei. Im schattigen Innenhof des wunderschönen Klosters sitzen bereits einige Besucher. Wir erfahren viel über die Geschichte des Klosters und erhalten spannende Einblicke in das strenge und entbehrungsreiche Leben der Mönche. Schnell gewöhnen wir uns an das markante Erscheinungsbild unseres Gastgebers und lernen einen offenen und humorvollen Menschen kennen. Nach einem Rundgang durch das Kloster machen wir uns wieder auf den langen Rückweg. Die Hitze lässt die Strecke noch anstrengender erscheinen. 

Heute segeln wir in den Nordosten der Insel zur außergewöhnlichen Planitis Bay. Die Bucht besitzt eine nur etwa 30 Meter schmale Einfahrt. Auch der Weg dorthin ist heute anspruchsvoll, denn der Wind kommt exakt aus der Richtung, in die wir segeln möchten. Daher kreuzen wir die gesamte Strecke und legen statt der direkten acht schließlich 16 Seemeilen zurück. Erst kurz vor der Bucht bergen wir die Segel und fahren sicherheitshalber unter Motor durch die schmale Einfahrt. 

Nach dieser spannenden Passage öffnet sich die Bucht herzförmig und bietet reichlich Platz in zwei großen Ankerbereichen. Überall liegt man gut geschützt vor Wind und Welle. Wir ankern im südlichen Teil der Bucht und fahren anschließend mit dem Dinghy zur engen Einfahrt zurück. Hinter einem kleinen vorgelagerten Felsen entdecken wir einen wunderschönen Sandstrand und ein großartiges Schnorchelrevier. Die faszinierende Unterwasserlandschaft und die Vielzahl an unterschiedlichen Fischen begeistern uns. Fast zwei Stunden verbringen wir im Wasser, bevor wir wieder zurück zum Schiff fahren. 

Die Bucht gehört zu einem Meeresschutzgebiet. Wer hier ankern möchte, muss sich offiziell anmelden und eine Gebühr bezahlen. Dafür erlebt man einen außergewöhnlichen Ort voller Ruhe und unberührter Natur – ohne Internet und ohne Fremdlicht. Zumindest theoretisch. Als es zu dämmern beginnt, sitzen wir im Cockpit und warten auf die ersten Sterne. 

Doch dann laufen noch zwei Schiffe durch die enge Einfahrt und steuern direkt unseren Ankerplatz an. Die Crews stimmen sich lautstark ab und finden schließlich ihren Wunschplatz unmittelbar neben uns. Mittlerweile ist es dunkel geworden, doch beide Schiffe schalten ihre Cockpitbeleuchtung und sogar blaues Unterwasserlicht ein. Der traumhafte Sternenhimmel ohne Fremdlicht ist damit verschwunden. Stattdessen treffen sich die italienischen Segler auf einem der Boote, und mit jedem Glas Wein werden die Gespräche lauter und emotionaler. Erst weit nach Mitternacht endet das Trinkgelage. Wir sind enttäuscht und traurig über dieses rücksichtslose Verhalten in einem so wunderschönen Naturschutzgebiet.