Seit 2 Wochen liegen wir in der Bucht von Posidonio, im Süden der Insel Samos. Doch heute endet die gemütliche Zeit vor Anker, früh morgens starten wir auf die Nordseite nach Vathi. Der lange geplante Tag ist gekommen. Nach knapp 3 Jahren im Wasser, kommt Jera ins Trockendock. Das Unterwasserschiff braucht seine wohlverdiente Pflege, eine gründliche Reinigung und Aktivierung des Copper Coats ist fällig. Und vermutlich müssen wir auch wieder einige Stellen reparieren. Als wir im letzten Jahr das Unterwasserschiff am Ankerplatz mit Taucherbrille und Schnorchel reinigten, entdeckten wir erneut Bereiche, wo sich Blasen gebildet hatten. Seit das Unterwasserschiff 2023 bei der Werft in Großenbrode neu gemacht wurde, haben wir massive Probleme.
Im kleinen Hafen bei der Roussakis Werft wird Jera auf einen hydraulischen Slipwagen gezogen, angehoben und über die Betonrampe aus dem Wasser gefahren. Wenig später steht unser Schiff auf Stahlböcken am Trockendock. Der Bewuchs am Rumpf hält sich in Grenzen. Die dünne, schleimige Algenschicht und die paar Pocken lassen sich mit dem Hochdruckreiniger gut entfernen.
Das saubere Unterwasserschiff offenbart dann jedoch das wahre Ausmaß unseres Copper Coat Problems. Das komplette Unterwasserschiff ist mit Blasen überzogen. Verdammt, wir haben ein riesiges Problem.
Gemeinsam mit Andreas Roussaki prüfen wir den Zustand der Beschichtung. Als erstes öffnen einige Blasen und machen eine Geruchsprobe. Bei Osmose wäre ein saurer Geruch feststellbar, doch zum Glück ist kein auffälliger Geruch feststellbar.
Dann schleifen wir einen etwa handflächengroßen Bereich an. Die Schleifscheibe öffnet die obere Coppercoatschicht und man sieht am tiefsten Punkt der Blasen stellenweise bis zum Gelcoat. Es ist deutlich zu erkennen, dass sich die Blasen in der Primerschicht gebildet haben und zwischen dem Gelcoat und dem Coppercoat eingeschlossen sind.
Nachdem das Coppercoat und der Primer auf der Testfläche vollständig abgeschliffen sind, liegt das saubere und unbeschädigte Gelcoat offen.
Laut Andreas ist der Grund für das Problem eindeutig auf eine zu niederer Temperatur und auch eventuell eine zu hohe Luftfeuchtigkeit zurückzuführen. Unter diesen Bedingungen verlängert sich die im Datenblatt angeführte Trocknungszeit wesentlich. Unser Unterwasserschiff wurde im Winter in Großenbrode an der Ostsee gemacht…
Wir fragen bei der Werft in Großenbrode nach, ob die Arbeiten damals dokumentiert wurden. Die kurze Antwort: Wir sind aus der Gewährleistung, tut uns leid 🙁
Es sind über 80% des Unterwasserschiffs von der Blasenbildung betroffen. Eine Teilsanierung macht weder technisch noch finanziell einen Sinn. Das heißt, die gesamte Beschichtung muss runter… eine Katastrophe.
Das einzig Positive an der schlimmen Situation: Jeras Rumpf ist trotz der mangelhaften Beschichtung gesund geblieben. Es gibt kein Zeichen für Osmose!
Geplant war ein maximal 4 wöchiger Aufenthalt am Trockendock. Wie lange die Komplettsanierung nun dauert, können wir noch gar nicht abschätzen. Zum Glück haben wir mit der Roussaki Werft den richtigen Partner gefunden. Wir können am Schiff wohnen, während wir die Arbeiten durchführen.
Das Leben auf einem Schiff im Trockendock, 4 Meter über dem Boden, ist weit weg von bequem. Jeder nächtliche Toilettengang eine Prozedur, Kochen und Geschirr abwaschen ein großer Aufwand. Aber für uns die beste und günstigste Möglichkeit in dieser Situation.
Schleifen
Unser Schiffsrumpf ist aus Glasfaser verstärktem Kunststoff – GFK. Dieser laminierte Verbundstoff ist super stabil, es muss jedoch durch eine Schutzschicht – dem Gelcoat – vor eindringendem Wasser versiegelt werden. Bis zu dieser Schutzschicht muss die mangelhafte Beschichtung abgeschliffen werden.
Und diese Beschichtung hat es in sich. Sowohl das Coppercoat als auch der darunter liegenden Primer sind 2 Komponenten Epoxid Anstriche, gut haftende Kunststoffschichten.
Im Schutzanzug inklusive Kaputze, Atemmaske, Brille und Arbeitshandschuhen stehe ich in der Morgensonne und schwitze bereits, als ich den Schwingschleifer starte. Ein angeschlossener Staubsauger soll den Schleifstaub auffangen.
Die Schleifarbeiten beginnen. Nach einer Stunde rinnt mir der Schweiß in Bächen aus den Ärmeln und Hosenrohren des Vollkörperanzugs. Das Kupferoxid hat mich in einen grünblauen Schlumpf verwandelt. Die Arme schmerzen, die Schleifmaschine wiegt gefühlt das Doppelte wie zu Beginn.
Am Abend des ersten Arbeitstages, nach 8 Stunden Schleifen, bin ich fix und fertig. Das bisherige Schleifergebnis ist auf der riesigen Rumpffläche kaum zu erkennen. Wenn ich den heutigen Arbeitsfortschritt hochrechnen, komme ich auf mindestens 10 Schleiftage. Wow, das wird hart…
14 lange Arbeitstage später ist das gesamte Unterwasserschiff frei vom alten Anstrich. Sowohl das Coppercoat, als auch der 2 k Primer ist abgeschliffen. Auch ich habe in diesen Tagen einiges verloren, nämlich 7 kg Körpergewicht.
Während ich geschliffen habe, hat Mel alles am Laufen gehalten. Zig mal marschierte sie bei Hitze in den 3,5 km entfernten Ort Vathi, um Schleifscheiben, Werkzeug und Lebensmittel zu besorgen.
Ein Gewaltakt ist vollbracht und Jera ist bereit für die neue Beschichtung. Noch aber warten wir auf die Lieferung des Primers und des Coppercoats. Aus Kostengründen haben wir die Beschichtung in Österreich bestellt und laut Trackinginfo ist die Palette erst auf der Fähre von Athen nach Samos. Vermutliche Anlieferung Montag oder Dienstag.
Heute ist Samstag und wir planen deshalb wohlverdiente Ruhetage ein. Doch zu unserer Überraschung steht die Coppercoat Lieferung Mittag vor dem Büro der Werft. Wir canceln die freien Tage und beginnen mit den Vorbereitungsarbeiten.
Primer
Das Unterwasserschiff wird mit 120er Papier angeschliffen, entstaubt und mit Isopropanol entfettet. Zuletzt wird der Rand der Wasserlinie mit Klebeband abgeklebt. Erst spät am Abend sind die Vorbereitungen erledigt und das Unterwasserschiff ist bereit.
Für das Auftragen der Beschichtung muss eine genauer Ablauf eingehalten werden. Der Primer wird nass auf nass in 4 bis 5 Schichten aufgetragen und muss dann laut Hersteller bei 20°C 7 Tage ausgasen und trocknen. Erst dann kann das Coppercoat aufgetragen werden.
Am Sonntag um 6 Uhr Früh bereiten wir alles für die Beschichtung des zwei Komponenten Primers vor. Wir mischen Primer und Härter und rollen das Gemisch auf den Rumpf. Nach ziemlich genau 3 Stunden ist die erste Schicht drauf und wir können den Aufwand ungefähr abschätzen. 3 Stunden pro Schicht mal 4 Schichten ergibt einen hammerharten 12 Stunden Arbeitstag, bei einer 5. Schicht werden es 15 Stunden…
Da die Farbe nass in nass aufgetragen werden muss, kann der Ablauf nicht gestoppt werden. Das bedeutet keine längeren Pausen…
Es wird schon dunkel als wir den letzten Primer auftragen und das Klebeband der Wasserlinie abziehen. Der Großteil der Fläche musste überkopf gerollt werden, unsere Arme sind wie aus Blei. Das Feierabendbier wiegt gefühlte 100kg. Wir sind fix und fertig. Aber es ist geschaffen, jetzt beginnt die 7 tägige Trocknungszeit. Endlich Zeit sich zu erholen.
Ein wenig zumindest. Denn es gibt noch eine weitere Baustelle. Im Zuge des neuen Unterwasserschiffes tauschen wir die alten Seeventile. Zwei der Ventile liegen unzugänglich im hintersten Bereich des Motorraums, unterhalb des Generators. Um hier ran zu kommen, müssen Teile des Auspuffs demontiert werden. Die alten Borddurchbrüche werden mit dem Winkelschleifer herausgeschnitten, die Seeventile und Schläuche ausgebaut. Anschließend montieren wir die neuen Borddurchlässe, als die Dichtmasse getrocknet ist auch die Seeventile, später die neuen Schläuche. Der Wiedereinbau der steifen Auspuffschäuche fordert Kraft und Nerven. Doch letztlich ist alles an seinem Platz.
Coppercoat
Letzten Sommer haben wir in einer Ankerbucht in den nördlichen Sporaden Michi mit seiner Familie kennengelernt. Sein Segelschiff liegt in einer Marina auf Samos. Vor 2 Jahren hat sein Unterwasserschiff mit Coppercoat beschichtet und einige Erfahrung bei der Verarbeitung von gesammelt. Er wird in den nächsten Tagen anreisen und sein Schiff für den Sommerurlaub vorbereiten. Obwohl er selbst viel erledigen muss, hat er angeboten uns zu helfen.
Am Montag den 27.07.2026 beginnen wir um 6 Uhr früh. Das Coppercoat besteht aus 3 Komponenten: dem Epoxidharz, dem Härter und dem Kupferpulver. Beim Primers haben wir die Erfahrung gemacht, dass kleinere Mischungen stressfreier zu verarbeiten sind. Speziell wenn die Temperatur tagsüber steigt und der Trocknungsprozess wesentlich zügiger von statten geht.
Auch zu dritt ist die Verarbeitung des Coppercoats anstrengend, aber wir sind wesentlich schneller. Mel macht die Mischungen, Michi und ich rollen. Am Abend ist die Beschichtung wo sie hin gehört, der komplette Rumpf strahlt goldbraun. Die letzte große Hürde ist genommen.
Nach 5 Tage Trocknungszeit können wir die Schiffsstützen umstellen und auch die letzten Auflageflächen schleifen und beschichten.
Am 13.08.2026 ist es endlich soweit, nach über 8 Wochen verlässt Jera das Trockendock.
Gestern haben wir das Coppercoat noch aktiviert, in dem wir das gesamte Unterwasserschiff mit feinem 400er Schleifpapier anschleifen. Dadurch wird das im Epoxy eingeschlossene Kupfer freigelegt, kann im Wasser oxidieren und die gewünschte Wirkung erzielen.
Der Slipwagen fährt langsam über die Betonrampe ins Wasser. Noch bevor Jera vom Wagen gelöst wird, prüfen wir die neu montierten Borddurchlässe: alles ist dicht!
Nach einer Verabschiedungsrunde in der Werft verlassen wir den kleinen Hafen.
Bereits als wir unter Motor gegen Wind und Welle aus der Bucht von Vathi fahren, spüren wir die positiven Auswirkungen des neuen Unterwasserschiffes und des polierten Propellers. Als wir dann auf Raumschottkurs unter Segel um das nordostliche Kap steuern, rauscht Jera mit 7,5 Knoten durchs Wasser. Bei stärkeren Böen erreichen wir sogar 8,1 Knoten.
Mit einem Lächeln im Gesicht erreichen wir die Bucht von Posidonio im Süden von Samos, wo schon Freunde von uns vor Anker liegen. Bert mit seiner Galu-Galu, Kenneth und Mella mit ihrer Leni und Alexandra mit ihrer Hippocampo. Steve, den wir in Vathi bei unserem „Stammkiosk“ kennengelernt haben, kommt mit dem Motorroller und besucht uns an Bord. Nach den harten, arbeitsreichen Wochen in der Werft, genießen wir die gemeinsame Zeit in vollen Zügen.












