Für Donnerstag sind Gewitter angekündigt. Bei den letzten Unwettern lagen wir gut geschützt in der Gera-Bucht, deshalb suchen wir auch diesmal dort Zuflucht. Von unserem aktuellen Ankerplatz bei Erassos sind es rund 37 Seemeilen bis dorthin.
Wir verlassen die Bucht und kreuzen bei etwa 15 Knoten Wind aus östlicher Richtung gegenan. Mit rund fünf Knoten Fahrt segeln wir hart am Wind und kommen zunächst gut voran. Doch auf Höhe der Einfahrt in den Golf von Kallonis fahren wir plötzlich wie gegen eine Wand. Schlagartig ist die Fahrt aus dem Schiff, eine starke Strömung setzt uns entgegen und konfuse Wellen rollen direkt aus unserer Fahrtrichtung auf uns zu.
Wir probieren verschiedene Kurse aus, schaffen aber kaum noch Strecke nach Osten. Schließlich wird klar, dass es keinen Sinn macht. Also brechen wir unser Vorhaben ab und drehen um. Statt zur Gera-Bucht segeln wir zurück in die Apothikes Bay am Eingang des Golfs von Kallonis. Nun geht es statt hart am Wind auf angenehmem Raumschotkurs zurück – mit Welle und Strömung im Rücken.
Für den nächsten Tag ist südlicherer Wind angekündigt, der uns bessere Bedingungen Richtung Gera bringen soll.
Am nächsten Morgen klettern wir kurz vor 7 Uhr aus der Koje und bereiten alles für die Abfahrt vor. Draußen ist es herbstlich feucht und kühl, während wir die Kuchenbude abbauen. Bereits um halb acht fahren wir durch den engen Kanal an der Ausfahrt des Golfs. Die Strömung läuft diesmal mit uns, und mit 6,5 Knoten gleiten wir zügig durch das markierte Fahrwasser.
Nach der Ausfahrt setzen wir die Segel und kreuzen bei etwa 15 Knoten Wind Richtung Osten.
Vor dem Kap bei Plomari schläft der Wind schließlich ein, und wir starten den Motor. Wenig später erreichen wir die Einfahrt in den Golf von Gera und steuern hinein in die vertraute Bucht.
In Skala Loutra fällt unser Anker. Nach der Umrundung von Lesbos fühlt es sich fast ein wenig wie Heimkommen an. Die Bucht bietet geschützte Ankerplätze bei Wind aus Norden, Osten und Süden – perfekte Bedingungen für das angekündigte Unwetter.
Am Abend spazieren wir noch in das etwa 2,5 Kilometer entfernte Dorf Loutra. Nach den Regenfällen der vergangenen Wochen hat sich die Landschaft deutlich verändert. Überall leuchtet sattes Grün, Blumen blühen, und sogar Pilze sprießen aus dem Boden.
Auf der Terrasse einer urigen Taverne setzen wir uns zum Abendessen. Die Preise sind günstig, die Qualität eher durchschnittlich. Erst beim Gang zur Toilette bemerken wir den Zustand des Lokals genauer: Überall stapeln sich Gegenstände, kein Zentimeter der Theke ist frei, und auch die winzige Küche ist bis unter die Decke vollgestellt. Die Wirtin scheint kaum Platz zum Arbeiten zu haben. Das Ganze wirkt ziemlich chaotisch, und wir machen uns kurz Sorgen um unser Abendessen … zum Glück bleibt uns ein verdorbener Magen erspart 🙂
Mit Tagesanbruch beginnt es am nächsten Morgen zu regnen. Die Schauer ziehen den ganzen Tag über durch, doch der Wind bleibt mäßig, und das Schiff liegt ruhig und sicher am Anker. Die angekündigten Gewitter ziehen glücklicherweise nördlich an uns vorbei.
Am Abend machen wir es uns gemütlich im Salon und genießen einen entspannten Filmabend.
Auch der folgende Tag beginnt noch bewölkt, doch der Wind reißt bereits erste blaue Löcher in die Wolkendecke. Immer wieder ziehen Böen um die 20 Knoten durch die Bucht, aber immerhin bleibt es trocken. Für den nächsten Tag ist bereits freundlicheres Wetter angekündigt.
Und tatsächlich: Der Morgen begrüßt uns mit Sonne und nur wenig Wind. Nach dem Frühstück fahren wir an Land und unternehmen eine Wanderung rund um die Halbinsel Katafigio Agrias.
Zunächst spazieren wir entlang der Straße bis zur Asteria Fish Taverne, danach führt ein unbefestigter Weg direkt an der Küste entlang. Nach etwa zwei Kilometern entdecken wir eine winzige Insel mit der kleinen Kapelle Agios Isidoros. Der Weg verläuft entlang der Nordseite der Halbinsel, vorbei an einigen wenigen Ferienhäusern in herrlich ruhiger Lage.
Etwa nach drei Vierteln der Strecke wechseln wir wieder auf die Straße Richtung Loutra. Von dort führt ein Weg durch alte Olivenhaine zurück zum Hafen. Nach rund acht Kilometern Wanderung gönnen wir uns zur Abkühlung noch einen Sprung ins Meer.
Später fahren wir mit dem Dinghy nach Perama auf der gegenüberliegenden Seite der Gera-Bucht. Dort kaufen wir Lebensmittel ein und kehren anschließend in der Balouchanas-Fischtaverne zum Abendessen ein.
Die nächste Nacht ist deutlich kühler. Am Morgen zeigt das Thermometer im Schiff nur noch 17 Grad. Passend dazu wurde in der Nacht die Uhr um eine Stunde zurückgestellt – die Winterzeit hat begonnen.
Die Wetterprognosen melden zunächst noch ruhige Bedingungen, doch für den folgenden Tag kündigt sich eine Kaltfront mit starkem Südwind sowie möglichen Gewittern und Regen an.
Tatsächlich ziehen die Unwetter später nördlich an uns vorbei. Das ständige Aufleuchten der Blitze am Horizont ist beeindruckend anzusehen, doch bei uns bleibt es bei Regen. Gegen 23 Uhr beruhigt sich alles wieder, und nur einzelne Regentropfen zeichnen Kreise auf die spiegelglatte Wasseroberfläche.
In diesem Teil von Lesbos scheint der Schutz wirklich hervorragend zu sein. Mittlerweile haben wir hier bereits mehrere Unwetter sicher überstanden.
Nachdem wir zwei Tage kaum von Bord konnten, freuen wir uns über etwas Bewegung und spazieren durch den kleinen Ort Perama.
Ein paar Tage später lädt traumhaftes Herbstwetter zu einer Wanderung auf den Berg Ekklisia Profitis Ilias ein.
Der Weg führt zunächst durch das Dorf Loutra, anschließend bergauf zur Kapelle Panagia und von dort weiter über einen Schotterweg mit unzähligen Serpentinen bis zum höchsten Punkt des Berges. Am Gipfel steht die kleine Kirche Ekklisia Profitis Ilias – umgeben von einem regelrechten Wald aus Sendemasten. Bis hierher sind es etwa acht Kilometer und rund 420 Höhenmeter.
Für den Abstieg wählen wir einen inoffiziellen Weg hinunter nach Loutra. Der schmale Steig windet sich durch Olivenhaine talwärts und führt durch eine wunderschöne Landschaft. Bei einer Quelle teilt sich der Weg und passiert eine uralte Platane. Der gewaltige Baum ragt beeindruckend aus dem Wald empor, sein Stamm misst mehr als zwei Meter Durchmesser.
Von dort geht der Steig in einen Schotterweg über, der direkt zurück ins Dorf führt.
In Loutra kehren wir schließlich in der Taverne To Steki tou Strati ein und stärken uns mit köstlichem griechischem Essen.




