Die Insel Lefkada

Seit mittlerweile zwei Tagen liegen wir in der Tranquil Bay vor Anker. Die Thermik verhält sich hier ausgesprochen ungewöhnlich: Im Laufe des Tages dreht der Wind einmal durch alle Himmelsrichtungen. Als wir ankamen, war es nahezu unmöglich zu erkennen, in welche Richtung die bereits ankernden Boote schwojen würden.

Bei rund zehn Metern Wassertiefe legen wir 40 Meter Kette. Entsprechend groß fallen die Schwojkreise aus, und je nach Windrichtung werden die Abstände zu den Nachbarbooten mitunter überraschend knapp.

Um Mitternacht setzt plötzlich starker Nordwestwind ein. Böen von über 30 Knoten lösten unseren Anker aus dem schlammigen Grund, und wir beginnen im engen Ankerfeld zu treiben.

Jetzt muss alles schnell gehen. Motor starten, Instrumente einschalten, Decksbeleuchtung aktivieren. Jera gegen den Wind steuern, um den Zug von der Ankerkette zu nehmen. Zwischen den Schiffen bleibt kaum Platz, die Nacht ist stockfinster und die Umrisse der Nachbarboote sind nur schwer auszumachen.

Wir holen den Anker auf und suchen mit Taschenlampen nach einem freien Platz. Während uns die Böen um die Ohren pfeifen, lassen wir den Anker erneut fallen und testen den Halt zusätzlich mit kräftigem Rückwärtsschub. Der Anker gräbt sich sofort ein. Alles deutet darauf hin, dass wir nun sicher liegen.

Nach etwa einer Stunde ist der Spuk vorbei. Der Wind flaut ab und die restliche Nacht verläuft ruhig.

Für Ende der Woche kündigen die Wettermodelle ein kräftiges Tiefdruckgebiet mit starkem Südwind an. Unter diesen Bedingungen möchten wir nicht in der engen Tranquil Bay bleiben. Deshalb verlegen wir uns in den hinteren Bereich der Vliho Bay. Dort gibt es reichlich Platz zum Ankern, und selbst bei wechselnden Bedingungen findet man meist einen geschützten Liegeplatz.

In der Nacht erreicht uns schließlich das Tief. Gegen 22 Uhr bringt die Warmfront Böen bis 25 Knoten sowie den üblichen kräftigen Regen mit sich. Nach rund vier Stunden ist die Front durchgezogen, und der Kern des Tiefs wandert ostwärts Richtung Festland. Die nachfolgende Kaltfront streift uns nur noch. Am Samstag geraten wir in den Einflussbereich der Rückseite des Tiefs, die nochmals starken Wind aus nördlicher Richtung mit sich bringt.

Die Vorhersagen kündigen bereits in fünf Tagen die nächste Starkwindphase an. Wir beschließen daher, die Zeit bis dahin wieder in der ruhigen Abelaki Bay zu verbringen und erst kurz vor dem Wetterumschwung in die geschützte Vliho Bay zurückzukehren. Dann können wir auch unsere Lieferung aus Österreich beim Vliho Yacht Club abholen. Freundlicherweise durften wir einige Pakete an seine Adresse schicken zu lassen.

Wir liegen entspannt vor Anker und genießen den Abend im Cockpit, als ein Segelboot unter englischer Flagge in die Bucht einläuft. Am Steuer steht ein älterer Mann. In unserer Nähe stoppt er das Schiff und wirft den Anker. Zu unserer Verwunderung fährt er ihn trotz der angekündigten Wetterlage nicht ein.

Kurz darauf stellt er den Motor ab und bleibt regungslos am Steuer sitzen. Erst nach einiger Zeit bewegt er sich langsam und sichtbar mühsam in Richtung Kajüte. An Bord befindet sich auch eine ältere Frau, die sich am Anlegemanöver nicht beteiligt hat.

Am Abend fahren die beiden mit ihrem Dinghy an Land. Erst spät hören wir sie zurückkommen. Es ist bereits dunkel, als wir bemerken, dass die Frau längere Zeit am Heck ihres Schiffes steht. Gleichzeitig hören wir ungewöhnliche Geräusche.

Wir rufen hinüber und fragen, ob alles in Ordnung sei. Die Antwort kommt stockend und kaum verständlich:

„My husband is in the water!“

Sofort springen wir ins Dinghy und fahren hinüber. Der Mann klammert sich an die Badeleiter seines Schiffes und kann sich kaum noch über Wasser halten.

Ich springe ins Wasser und stütze ihn. Mel fragt nach einem Rettungsring, doch an Bord gibt es keinen. Gemeinsam versuchen wir, den Mann über die Badeleiter an Deck zu bringen – ich von unten, Mel von oben. Doch seine Kräfte sind erschöpft. Immer wieder rutscht er zurück ins Wasser.

Bereits eine halbe Stunde kämpfen wir gegen die Situation an, als die Crew eines vorbeifahrenden Motorboots auf uns aufmerksam wird und zur Hilfe eilt.

Gemeinsam setzen wir den Rettungsversuch fort. Drei Männer vom Motorboot und ich im Wasser versuchen alles, um den Verunglückten an Bord zu bekommen.

Erst nach einer weiteren halben Stunde gelingt es uns schließlich, den Mann auf die Badeplattform des Motorboots zu heben.

Die Crew bringt ihn und seine Frau umgehend an Land und übergibt beide dem Rettungsdienst.

Völlig erschöpft kehren wir zur Jera zurück.

Dieser Vorfall hat uns eindrucksvoll vor Augen geführt, wie schwierig es ist, eine kraftlose Person aus dem Wasser auf ein Boot zu bringen. Und das alles bei ruhigem Wetter in einer geschützten Bucht. Wie eine solche Situation auf offener See bei Wind und Welle aussehen würde, möchten wir uns lieber nicht vorstellen.

Die jüngste Starkwindphase haben wir in der Vliho Bay gut überstanden. Die stärksten Böen erreichten knapp 29 Knoten. Durch die umliegenden Hügel wurde der Wind jedoch ständig umgelenkt und wechselte teilweise um bis zu 90 Grad seine Richtung und ließ die Boote vor Anker ordentlich tanzen. Manche Böen trafen die Schiffe seitlich und erzeugten hohe Belastungen auf Anker und Kette.

Wir hatten unseren Anker vor Beginn des Starkwinds sorgfältig in der erwarteten Hauptwindrichtung eingefahren. Dadurch lagen wir während der gesamten Wetterlage absolut sicher.

Andere Boote hatten deutlich weniger Glück. Bereits bei etwa 20 Knoten begannen die ersten Schiffe zu treiben. Zwei Charteryachten gingen sogar ohne Besatzung auf Drift und sorgten im dicht belegten Ankerfeld für erhebliche Aufregung bei den umliegenden Crews.