Die vergangenen Wochen standen ganz im Zeichen der Vorbereitungen für die Segelsaison 2025. Zahlreiche Arbeiten an Bord wurden erledigt, und heute fahren wir mit einem Mietwagen nach Ragusa, um die letzten Vorräte einzukaufen. Als wir zurück in der Marina sind, ist der kleine Fiat Panda bis unters Dach beladen.
Seit Tagen verfolgen wir aufmerksam die Wetterprognosen und warten auf ein passendes Wetterfenster, um endlich wieder in See zu stechen. Während in Mitteleuropa der April als besonders wechselhaft gilt, beginnt diese Zeit im Süden bereits früher. In Sizilien spricht man vom „Marzo Pazzo“ – dem verrückten März.
Für den kommenden Mittwoch werden jedoch günstige Bedingungen vorhergesagt. Der Wind soll zwar schwach sein, die Richtung passt jedoch perfekt.
Für die direkte Überfahrt nach Griechenland benötigen wir etwa drei Tage. Noch ist ungewiss, ob das Wetterfenster lange genug offen bleibt. Deshalb planen wir zunächst nur eine Etappe um das Capo Passero, den südöstlichsten Punkt Siziliens, bis nach Siracusa. Dort gibt es eine geschützte Ankerbucht, in der wir auf die nächste passende Wetterlage warten können.
Seit Ende Oktober 2024 liegt die Jera nun sicher vertäut in der Marina di Ragusa. Fünf Monate Wintermodus liegen hinter uns. Wetterberichte spielten kaum eine Rolle, Einkaufen und Wäschewaschen wurden zur Routine. Man kennt die Menschen in der Marina, aus Stegnachbarn sind Freunde geworden.
Morgen endet diese Winterruhe. Unser Leben als Fahrtensegler beginnt von Neuem. Wieder selbstständiger unterwegs sein, das Wetter stets im Blick behalten, neue Ziele ansteuern und unbekannte Küsten entdecken – das Abenteuer 2025 kann beginnen.
Der geplante Starttermin rückt näher, und das Wetterfenster hält weiterhin. Wir besorgen noch frisches Obst und Gemüse auf dem Wochenmarkt, nutzen ein letztes Mal ausgiebig die Hafenduschen und geben anschließend unsere Zugangskarten im Hafenbüro ab.
Wir sind bereit zum Ablegen.
Am Mittwoch, dem 2. April 2025, ist es schließlich soweit. Um 6 Uhr morgens lösen wir die Leinen. In der Morgendämmerung verlassen wir die Marina di Ragusa und nehmen Kurs nach Osten.
Nach der langen Winterpause fühlt es sich großartig an, wieder die Segel zu setzen. Endlich sind wir wieder unterwegs.
Gemeinsam mit uns verlassen noch zwei weitere Boote den Hafen: Gerd und Nanni auf der Sunrise sowie Michael und Petra auf der Carlotta.
Bei leichtem Wind segeln wir in Richtung Capo Passero.
Dann folgt ein besonderer Moment: Zum ersten Mal nehmen wir den neu installierten Wassermacher in Betrieb. Gespannt beobachten wir die Anzeigen – und alles funktioniert auf Anhieb. Wenig später fließt das erste selbst produzierte Frischwasser aus dem System. Ein weiterer Schritt in Richtung Unabhängigkeit auf See.
Am Capo Passero trennen sich unsere Wege. Die Carlotta steuert eine nahegelegene Ankerbucht an und möchte von dort die Überfahrt nach Griechenland beginnen. Die Sunrise und wir setzen unseren Kurs entlang der sizilianischen Küste nach Norden fort. Unser Tagesziel ist Siracusa, während die Sunrise direkt nach Korfu weiterfahren möchte.
Nach einigen Funksprüchen und einem erneuten Blick auf die Wetterdaten ändern auch wir unsere Pläne. Die Vorhersagen sehen stabil aus, und so entscheiden wir uns spontan für die direkte Überfahrt nach Griechenland.
Über dem Ionischen Meer liegt ein Hochdruckgebiet mit schwachen Winden. Vermutlich werden wir einen großen Teil der Strecke unter Motor zurücklegen müssen. Deshalb legen wir in Siracusa noch einen kurzen Stopp an der Hafentankstelle ein. Obwohl diese normalerweise bereits um 17 Uhr schließt, wartet der freundliche Tankwart nach einem Telefonat auf unsere Ankunft und hält die Tankstelle länger geöffnet. Eine Hilfsbereitschaft, die keineswegs selbstverständlich ist und über die wir uns sehr freuen.
Um 18 Uhr ist der Tank gefüllt. Wir verlassen die Bucht von Siracusa und nehmen endgültig Kurs auf Griechenland. Noch einmal laden wir die aktuellen Wetterdaten herunter und informieren Familie und Freunde darüber, dass wir in den nächsten Tagen nicht erreichbar sein werden. Schon kurze Zeit später verlieren wir den Handyempfang und verschwinden aus der digitalen Welt.
Gemeinsam erleben wir den Sonnenuntergang im Cockpit, während das Festland langsam hinter dem Horizont verschwindet. Es wird dunkel und noch lange ist das Leuchten der glühenden Lava am Äthna zu sehen.
Mel übernimmt die erste Wache. Zu Beginn eines Mehrtagestörns fällt es uns immer schwer, in den Wach- und Schlafrhythmus hineinzufinden. Sonnenuntergänge, Delfinbesuche und die vielen Geräusche an Bord machen die Nächte spannend, aber nicht unbedingt erholsam. Dabei ist ausreichend Schlaf entscheidend, denn nur wer sich während der Ruhezeiten gut erholt, kann später aufmerksam und konzentriert Wache gehen.
Bevor ich mich in die Koje lege, trage ich die aktuellen Daten ins Logbuch ein und werfe noch einen Blick auf das Bordsystem. Dabei fällt mir auf, dass die Servicebatterien nur zu 95 Prozent geladen sind – ungewöhnlich wenig, obwohl der Motor läuft. Vielleicht hat der Wassermacher bei seinem ersten Einsatz mehr Energie verbraucht als erwartet?
Wir beschließen, die Entwicklung im Auge zu behalten. Mit diesem Gedanken lege ich mich schließlich schlafen – noch ahnungslos, dass uns dieses Thema in den kommenden Tagen intensiv beschäftigen wird.
