Auf nach Sizilien

Noch in der Bucht von Malfatano setzen wir die Segel und gehen bei wenig Wind auf Raumschotkurs. Mit 3, maximal 4 Knoten Fahrt beginnt die Überfahrt. Wir haben Zeit und genießen die ruhigen Bedingungen.

Gegen Mitternacht nimmt der Wind etwas zu und beschleunigt uns auf 6 Knoten Fahrt. Herrliches Segeln bei gemütlichen Bedingungen: Mit konstantem Wind und angenehmer Welle geht es durch die Nacht.

Unser Cockpitzelt bleibt offen, es ist angenehm warm und trocken.

Der neue Tag beginnt ebenso entspannt. Der Wind ist teilweise etwas schwach, wir bleiben jedoch unter Segel und sind auch mit weniger als 4 Knoten Fahrt zufrieden. Wir genießen den Törn, essen gut und können gut schlafen und uns ausruhen.

Immer wieder hört man von Seglern: Im Mittelmeer ist entweder kein Wind oder zu viel. Bisher können wir das nicht bestätigen, doch schon bald werden wir eines Besseren belehrt.


Es beginnt zu dämmern und wir bereiten uns auf die zweite Nacht vor. Zwei Drittel der Strecke liegen hinter uns, vor uns liegen noch 55 Seemeilen, etwa 100 Kilometer.

Der Wind ist leicht, kommt jedoch nicht wie vorhergesagt aus südlicher Richtung, sondern dreht nach Südost. Wir müssen unseren Kurs immer weiter nach NO korrigieren und steuern mittlerweile nördlich an Sizilien vorbei.

Wenn der Wind später in Landnähe wieder zurückdreht, können wir den Kurs wieder anpassen. Oder wir starten den Motor.

Unsere Segel sind auf leichten Wind eingestellt, das Groß und die Genua sind voll gesetzt. Es wird dunkel, die Nacht beginnt.

Plötzlich kommt Druck ins Segel und Jera beschleunigt auf 7 Knoten. Der Wind ist schlagartig auf 17 Knoten gestiegen, auf unserem Amwindkurs krängen wir stark.

Doch so schnell die Böe gekommen ist, so schnell ist sie wieder weg. Trotzdem verkleinern wir vorsorglich die Segelfläche, um nicht noch einmal überrascht zu werden.

Mel steht am Steuer, ich vorne am Mast und binde das 2. Reff ins Groß. Im Schein der Stirnlampe sehe ich viel Feuchtigkeit, fast wie bei Nieselregen. Wir steuern geradewegs in eine dichte Nebelwand.

Wir sind bereits an der Grenze zum Scirocco. Dieser warme Südwind kommt von Nordafrika und bringt feuchte Luft auf seinem Weg über das Mittelmeer mit.

Beim Start, als wir noch Internet und somit Wetterdaten hatten, war der Südwind zwar bereits gemeldet, jedoch wesentlich weiter östlich bei Sizilien.

Nach etwa einer Stunde sind wir durch die Nebelfront, der Wind wird stetig stärker und kommt östlicher.

Wir starten den Motor, um wieder die Westküste Siziliens ansteuern zu können. Mit dem starken Wind baut sich schnell eine kurze und steile Windwelle auf und wir müssen genau gegenan. Jera kämpft sich von Welle zu Welle, oft hebt sich der Bug aus dem Wellenberg und fällt dann mit voller Wucht ins Wellental. Wasser schießt übers Deck, harte Erschütterungen gehen durch das Schiff und das Rigg. Wir haben keine Chance, den direkten Kurs zu halten.

Wir setzen die Fock, stoppen den Motor und segeln mal wieder hart am Wind 😉 Mittlerweile hat der Wind auf 20 Knoten zugenommen, die Wellen sind um die zwei Meter hoch.

Die Windrichtung hat etwas zurück nach Süden gedreht. Der direkte Kurs ist zwar immer noch nicht möglich, aber wir versuchen nun, die Nordküste Siziliens anzusteuern. Dort, im Lee der Insel, müssten sich die Bedingungen beruhigen.

Wir hatten noch etwa 10 Fahrtstunden vor uns, doch die Bedingungen werden die Strecke deutlich verlängern. Aber es ist die einzige Möglichkeit.

Um 3 Uhr früh sind wir mitten im Scirocco-Windband. Der Wind erreicht 28 Knoten, die Wellen drei Meter und mehr.

Mittlerweile haben wir die Fock auf ein Drittel der Fläche verkleinert, trotzdem ist enorm viel Druck in den Segeln. Jera nimmt die hohen Wellen schräg gegenan und kämpft sich tapfer gegen die teilweise brechende See. Mehrmals ergießt sich eine Welle über das Schiff, und plötzlich spielen sich an Bord ziemlich spektakuläre Szenen ab. [optional]

Wenn eine harte Böe unser Schiff genau am Wellenberg erwischt, neigt es sich seitlich und rauscht mit enormer Schräglage die Welle hinunter. Doch Jera stellt sich immer wieder tapfer auf und ist bereit für den nächsten Angriff.

Sollten sich die Bedingungen weiter verschärfen, müssen wir auf einen Vorwindkurs abfallen und mit Wind und Welle ablaufen. Unser Kurs wäre dann jedoch Richtung Norden, weg von der Küste Siziliens und hinaus ins Tyrrhenische Meer.

Wir sitzen im Cockpit, nur der dünne Zeltstoff schützt uns vor den extremen Bedingungen da draußen. Von uns kommen Kursanpassungen und das Einstellen der Segelfläche. Alles andere muss Jera machen – und sie macht es hervorragend.

Gedanken gehen mir durch den Kopf. Was wäre, wenn der Autopilot ausfällt? Das Lenkseil reißt? Der Mast bricht? Ein Defekt die Situation in einen absoluten Notfall verwandelt? Würden wir bei diesen Bedingungen die Rettungsinsel überhaupt noch aktivieren können? Würden wir dann überhaupt in die Rettungsinsel kommen?

Die heutige Nacht ist stockdunkel. Der Himmel ist sternenklar, die schmale Mondsichel bringt jedoch kein Licht. Doch um 6 Uhr färbt sich der östliche Horizont langsam, die Morgendämmerung beginnt.

Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich die Bedingungen überhaupt sehen will. Und tatsächlich, die windgepeitschten Wellenberge, das waagrecht fliegende Wasser der brechenden See sind nicht wirklich beruhigend. Aber ich weiß, dass Jera die Bedingungen bisher gemeistert hat und vertraue darauf, dass sie es weiterhin tut.

Das erste Tageslicht lässt unglaubliche Bilder erkennen. Wir rasen auf eine drei Meter hohe brechende Welle zu, der Bug schießt durch die Schaumkrone in den Himmel. Der Rest der Welle trifft uns seitlich mit voller Wucht. Das Wasser explodiert mit einem lauten Knall an der Bordwand und ergießt sich über das gesamte Schiff. Die Sicht nach außen ist für einen Moment völlig weg, es dauert lange, bis das Wasser über das Cockpitzelt, die Windschutzscheiben und das Deck abgeflossen ist. Es folgen einige einfachere Wellenberge, bis der nächste Brecher anrollt.

Mittlerweile ist es 8 Uhr, wir befinden uns etwa 30 Seemeilen nördlich der Ägadischen Inseln. Es scheint, dass die Inseln ein wenig Windabschattung bringen. Erst die Insel Marettimo, dann Favignana. In diesem Bereich geht der Wind auf 22 bis 24 Knoten zurück. Zwischen den Inseln bläst der Wind jedoch wie durch eine Düse mit 28 Knoten.

Um 10 Uhr erreichen wir endlich eine gut spürbare Landabdeckung durch Sizilien. Die Wellenhöhe sinkt merklich, der Wind bleibt auf 20 bis 22 Knoten. Wir haben es geschafft!

Erschöpft steuern wir die Bucht von San Vito Lo Capo an. Wie erhofft, bringt die weit nach Norden reichende Landzunge guten Schutz vor dem Südwind.

Als wir etwa zwei Meilen vom Ankerplatz entfernt sind, beträgt die Wassertiefe immer noch erstaunliche 500 Meter.

Um 11 Uhr ist der Anker gesetzt, wir liegen im ruhigen Wasser vor einer beeindruckenden Bergkulisse. Nach einem Sprung ins herrlich klare Wasser gibt es das verdiente Ankerbier, dann fallen wir todmüde in die Koje.

Eine Nacht bleiben wir vor Anker, dann legen wir uns in den Hafen von Nautico Sanvitese. Jera bekommt eine Komplettreinigung und wir füllen unsere Wasservorräte.