Die Wetterprognosen stimmen, und nach zwei Wochen in Oeiras freuen wir uns auf den nächsten Küstenabschnitt nach Süden. Die Marina von Oeiras und das breite Mündungsgebiet des Rio Tejo liegen hinter uns, wir segeln entlang der endlosen Strände südwärts.
Wenn wir nach einem längeren Hafenaufenthalt wieder in See stechen, sind wir immer etwas angespannt. Erst wenn die Bedingungen passen und am Schiff alles funktioniert, stellt sich angenehme Entspannung ein.
Unser Kurs führt um das markante Cabo Espichel, anschließend geht es weiter in Richtung Sesimbra. Bereits um 12 Uhr erreichen wir die Bucht von Sesimbra. Der Ort ist sehr lebendig und laut. Ein wildes Durcheinander von Jetskis und Motorbooten, die kreuz und quer durch die Bucht schwirren. Hier ist es so gar nicht nach unserem Geschmack.
Kurzfristig beschließen wir, bis Sines weiter zu segeln. Wir queren die weite Bucht und versuchen, entlang der 20-Meter-Tiefenlinie zu bleiben. Es geht vorbei an den Sandbänken vor Setubal im Mündungsgebiet des Rio Sado.
Gegen Abend erreichen wir das große Hafengebiet von Sines und steuern die Bucht hinter den Wellenbrechern an, in der der Fischereihafen und die Marina liegen. Die Marina ist zum Zeitpunkt unseres Besuches geschlossen, viele Stege sind kaputt und gesperrt. Man kann hier nur noch ankern.
Der Ankerbereich ist nicht besonders groß, und es liegen schon einige Schiffe hier. Wir werfen unseren Anker deshalb nahe der Einfahrt und liegen recht gut, haben jedoch in der Nacht etwas Schwell.
Sines ist der Absprungpunkt für die südwärts fahrenden Schiffe zur Umrundung des südwestlichsten Kaps Europas, des Cabo de São Vicente. Vor uns liegt eine Strecke von 130 Kilometern und rund 14 Stunden Fahrzeit, größtenteils entlang einer Steilküste ohne Hafen und ohne sicheren Ankerplatz. Erst nach dem Kap, bei Sagres an der Küste der Algarve, gibt es wieder eine sichere Ankermöglichkeit. Auf dieser Etappe gibt es keinen Schutz, sollte das Wetter sich verschlechtern. Die Wetterbedingungen müssen daher unbedingt passen.
Das Wetter der letzten Tage war nicht ideal für die Umrundung, und so warten einige schon ungeduldig auf einen möglichen Start. Die Prognosen für morgen sind einigermaßen okay, aber nicht ideal. Starker Westwind wird eine hohe Atlantikwelle bringen. Erst übermorgen wird der Wind schwächer und die Bedingungen ruhiger. Wir entschließen uns daher, noch einen Tag in Sines zu bleiben.
Als wir am nächsten Morgen aus der Koje klettern, ist die Bucht fast leer. Nur zwei weitere Schiffe haben sich wie wir entschieden und sind geblieben.
Später erfahren wir von einer niederländischen Crew, die an diesem Tag gestartet ist, dass sie wegen des starken Windes und der hohen Welle vor dem Kap abbrechen musste. Sie versuchten, in der – nach Westen völlig ungeschützten – Bucht von Arrifana bei auflandigen Wellen abzuwettern.
Mel und ich vertreiben uns die Zeit mit Schiffspflege, als Frank vom Schiff „Happy Hour“ mit dem SUP vorbeipaddelt und durch die Reling grüßt. Ihn und seine Frau Josi kennen wir von der Marina in Oeiras. Die Welt der Fahrtensegler entlang der iberischen Atlantikküste ist klein. Später kommt auch Alex vom dritten Schiff vorbei und lädt uns und die „Happy Hour“ zum Abendessen ein. Gerne nehmen wir seine Einladung an.
Beim Essen unterhalten wir uns über das Wetter und unsere Route. Wir alle sind auf dem Weg nach Süden, und so beschließen wir, die nächsten Etappen gemeinsam zu segeln.
Die Orka-Situation zwingt uns, küstennah zu segeln und gut Ausschau zu halten. Das fordert ständige Aufmerksamkeit. In einer Flottille können wir uns abwechseln. Zudem sind bei einem Notfall die Voraussetzungen für eine Hilfeleistung natürlich auch wesentlich besser. Die Wetterprognose ist grundsätzlich gut, es ist jedoch eine hohe Nebelwahrscheinlichkeit gemeldet. Wir beschließen, uns um 6 Uhr über Funk abzustimmen.
