La Gota Fria

Die Wetterprognosen melden, dass ein Tiefdruckgebiet vom Atlantik auf die heißen Temperaturen am spanischen Festland trifft und danach Richtung Balearen zieht. Dabei werden sich starke Gewitter mit Starkregen, Hagel und Sturm bilden.

Beim Blick auf die Wetterkarte sehen wir einen auffälligen Bereich nördlich der Balearen.

Normalerweise strömt die Luft von einem Hoch in ein Tiefdruckgebiet. In diesem Bereich strömt der Wind in alle Richtungen nach außen. Eigenartig – aber erst später werden wir die Ursache erfahren.

AEMET, der spanische Wetterdienst, warnt bereits vor Windgeschwindigkeiten von über 80 Knoten und weist darauf hin, dass genaue Gebietsangaben schwierig sind.

Wir versuchen, einen Hafenplatz in Mahón zu bekommen. Alle Liegeplätze sind belegt, wir müssen wohl oder übel vor Anker in der Cala Teulera bleiben.

Wir bereiten uns und Jera so gut wie möglich vor. Die nächsten Stunden werden spannend.

Bis 01:30 Uhr ist es angenehm ruhig, wir konnten ein paar Stunden schlafen. Jetzt werden die Böen stärker und vertreiben die Stille, es kommt Bewegung ins Schiff. Ich setze mich ins Cockpit und halte Ankerwache.

Der Wind kommt nun mit 15 Knoten aus NO und richtet die Schiffe neu aus. Einige Wolkenfetzen ziehen über uns, es ist dunkel. Der Halbmond ist bereits hinter dem Horizont verschwunden. Hin und wieder erhellt ein entfernter Blitz die Nacht.

„Real Lightning Map“ zeigt starke Blitzaktivität südlich von Menorca, nur vereinzelt sieht man Blitze im Norden und Westen.

Das labile Wetter mit seinen Stürmen und Niederschlägen scheint sich südlich von uns positioniert zu haben. Im Moment alles gut.

Es ist 03:30 Uhr. Laut dem Wettermodell Arome nähert sich eine Gewitterzelle aus Norden. Im Sekundentakt erhellen Blitze die Nacht.

Um 06:00 Uhr kommen die Blitze näher, ein Donner folgt dem nächsten.

Der Wind legt zu, die Böen erreichen 25 Knoten und zwei Schiffe in der Bucht beginnen zu driften.

Für einen gut eingefahrenen Anker sollte dieser Wind eigentlich kein Problem sein. Und bei der gegebenen Wettersituation sollte der Anker längst sicher eingefahren sein.

In der Cala Teulera liegen viele Schiffe, esist eng. Die driftenden Schiffe gefährden die Schiffe in Lee. Keiner auf diesen Schiffen hält Ankerwache, die Crews müssen erst mit dem Signalhorn geweckt werden.

Für eine Stunde herrscht reges Treiben, dann sind die beiden Anker wieder gesetzt.

Es beginnt zu dämmern, wir haben die Nacht überstanden.

Regen prasselt auf das Deck, aber die Gewitterzelle scheint uns zu verschonen. In der Bucht herrscht absolute Flaute, eine eigenartige Stille, der wir nicht trauen können.

Um 08:30 Uhr verrät Donnergrollen die nahen Blitze. Es regnet bei 5 Knoten Wind.

Es ist 13:30 Uhr und das nächste Gewitter ist im Anmarsch. 25 Knoten Böen, starker Regen.

Laut Prognosen bildet sich ein neuer Sturm nördlich von Menorca, der gegen Abend über uns ziehen soll.

Es ist 17:00 Uhr und die Gewitterfront hat uns erreicht. Die Donner der nahen Blitze lassen den Mast vibrieren. Etwa eine Stunde lang legt sich sintflutartiger Niederschlag wie ein grauer Schleier über die Bucht.

Dann endlich beruhigt sich das Wetter. Die letzten drei Tage und Nächte waren anstrengend, vor allem mental.

Die Ungewissheit, was kommt, und das Ausgeliefertsein fordern ähnlich wie eine Sturmfahrt. Doch nun ist „La Gota Fría“ überstanden!

Laufend erreichen uns aktuelle Nachrichten und Schadensmeldungen.

Die ersten Gewitterstürme trafen Ibiza und Formentera.

Laut Mallorca Zeitung erwischte es den Hafen und Ankerplatz von La Savina auf Formentera mit Windspitzen von bis zu 117 km/h, acht Schiffe wurden an Land gespült.

Freunde berichten von Pollença auf Mallorca von einem starken Gewitter, 46 Knoten Sturm und Wellen bis zu 1,5 m am Ankerplatz. Es gab Überschwemmungen wegen Starkregen und Flugausfälle.

Ein seltenes Wetterphänomen hat uns erwischt, ein sogenannter Kaltlufttropfen. Hier in Spanien heißt er „La Gota Fría“ oder DANA-Phänomen.

Der Jetstream am Übergang von polarer Kaltluft im Norden zu den warmen Luftmassen im Süden verläuft in Wellenlinien. Dabei kann sich ein Bereich kalter Luft von der polaren Kaltluft lösen und als Kaltlufttropfen südwärts ziehen. Das passiert in großer Höhe, zwischen 5.000 und 10.000 Metern.

Kalte Luft ist schwerer als warme und befindet sich daher im Normalfall unten.

Die kalte Luft liegt dabei in der Höhe über der deutlich wärmeren Luft am Boden. Dadurch entsteht eine sehr labile Atmosphäre, in der sich kräftige Gewitter entwickeln können.

Genau dieses eigenartigeStrömungsbild des Windes haben wir vor den Gewitterstürmen auf der Wetterkarte gesehen, konnten es aber nicht richtig deuten.

Die Darstellung auf Wetterkarten ist zweidimensional und auf eine Höhenebene bezogen. Das Wetter spielt sich jedoch in der gesamten Troposphäre ab. Manche Zusammenhänge sind auf Wetterkarten schwer zu erkennen.

Die Entstehung und die Zugrichtung eines Kaltlufttropfens stellen die Wettermodelle vor große Herausforderungen und sind mit einem hohen Unsicherheitsfaktor verbunden.

Ich liege in der Koje und versuche, etwas Schlaf nachzuholen, als plötzlich ein Knall durchs Schiff geht. Wir stürmen an Deck und sehen, dass uns der Nachbarlieger, ein junger holländischer Solosegler, mit seinem Katamaran gerammt hat. Sein Anker liegt zu nah an unserem und ist bei drehendem Wind in unsere Steuerbordseite getrieben. Es war zwar laut, aber es ist nichts passiert. Später ankert er weiter weg.