Ein Wetterphänomen, dessen Auswirkungen im gesamten westlichen Mittelmeer zu spüren sind: der Starkwind Mistral.
Die Ausgangslage für die Entstehung dieses starken Windes ist gegeben, wenn ein Tief über Nordfrankreich nach Osten zieht und Polarluft Richtung Mittelmeer strömen lässt. Ein Hoch über der Biskaya und ein Tiefdruckgebiet über Italien bilden dann die klassische Mistralwetterlage.
Auf der Nordhalbkugel verlaufen die Luftströmungen immer im Uhrzeigersinn aus einem Hoch heraus und gegen den Uhrzeigersinn in ein Tief hinein.
Die Berge der Alpen und der Cevennen bilden dabei eine natürliche Blockade, sodass die Luft aus dem Norden wie durch eine Düse durch das Rhonetal fließen muss.
Trifft der Luftstrom dann auf das Mittelmeer, können Windfelder entstehen, die vom Golfe de Lion bis nach Menorca und Sardinien reichen. Starke Ausläufer können bis zum Golf von Tunis und an die afrikanische Nordküste gelangen.
Grundsätzlich wäre der konstante Starkwind segelbar, auf der enormen Wasserfläche von der französischen Küste bis hierher bildet sich aber eine hohe Welle. Gemeldet sind 2 bis 3 Meter Wellenhöhe im Abstand von 7 Sekunden.
Nichts für uns. Wir bleiben lieber im Schutz der Cala de Saura und sitzen den Starkwind ab. Böen über 30 Knoten vor Anker sind spannend genug.
Bei solchen Bedingungen bereiten wir Jera vor. Sollte es ein Problem geben, wollen wir jederzeit abfahrbereit sein. Das Dinghy ist am Geräteträger fixiert, die Bimini abgebaut und alles wird an Deck gesichert.
Wir trinken noch ein Bier am Vordeck und genießen die Ruhe vor dem Sturm. Es wird vermutlich eine lange Nacht.
Um Mitternacht beginnt der Wind aus Norden, um 3 Uhr haben wir die ersten Böen um 20 Knoten.
Ab 6 Uhr morgens erreichen die Böen 31 Knoten, immerhin 60 Kilometer pro Stunde. Ich bleibe im Cockpit und halte Ankerwache.
Beim ersten Schiff rutscht der Anker und das Schiff treibt auf den leeseitigen Nachbarn zu. Ein Versuch, den Anker neu zu setzen, misslingt. Im vorderen Bereich der Bucht ist zu wenig Platz, um bei diesen Bedingungen das Manöver durchzuführen. Sie verlassen die Bucht.
Die Böen erreichen 30 Knoten und ein weiteres Schiff beginnt zu treiben.
Mittlerweile ist es 9 Uhr, die Böen liegen bei 32 Knoten. Unser Anker hält bombenfest.
Es ist erstaunlich, wie man die unterschiedlichen Windstärken empfindet. Während es am Schiff bei 25 Knoten noch relativ ruhig zugeht, fühlen sich 30 Knoten ganz anders an. Es wird laut und es kommt ordentlich Bewegung ins Schiff.
Mittlerweile erreichen die Böen bis 35 Knoten. Die Aufzeichnungen der Ankerapp zeigen, dass unser Anker fest sitzt. Fingers crossed!
Wir wundern uns, dass trotz des starken Windes recht viele Badegäste am Strand sind. Es kommt sogar ein kleines, schwach motorisiertes Leihboot angetuckert. Mit kaum Geschwindigkeit kämpft sich das junge Paar gegen Wind und Welle in die Bucht. Sie können kaum den Kurs halten, immer wieder drückt der Wind sie quer. Eine kräftige Böe reißt ihren Sonnenschutz herunter. In der Bucht werden sie von zwei Rettungsschwimmern in einem starken Motorboot empfangen. Letztlich sind sie heil an Land. Wenig später wird das kleine Boot von einem Motorboot aus der Bucht geschleppt. Das Paar scheint genug Seeluft geschnuppert zu haben und nimmt wohl den Landweg zurück. 🙂
Es ist 13:30 Uhr und der Wind scheint nachzulassen, die Böen liegen nur mehr um 25 Knoten. Wir wagen einen Sprung ins Wasser. Es herrscht ordentliche Strömung und die Wassertemperatur ist merkbar gesunken.
Gegen Abend ist der Spuk vorbei und das Leben in der Bucht normalisiert sich. Wir fahren mit dem Dinghy an Land und vertreten uns ein wenig die Füße.
Am Strand entdecken wir viele eigenartige, faustgroße Kugeln. Sie bilden sich aus dem durch die Wasserbewegung herausgerissenen Neptungras, das auf dem Sandboden durch Wellen und Strömungen hin und her bewegt wird und so kugelig miteinander verfilzt. Man nennt sie Seaweed Balls oder Neptunbälle.
Zurück am Schiff geht’s mit Taucherbrillen ausgerüstet zur Ankerkontrolle. Beim Absuchen des Meeresbodens entdecken wir zwei eigenartige Fische. Etwa 50 Zentimeter lang und mit auffällig großen, flügelähnlichen Seitenflossen. Es sind Flughähne.
Nachdem wir in der Cala Saura den Mistral abgewettert haben, segeln wir an der Südküste von Menorca weiter Richtung Osten. Doch schon nach 3 Seemeilen kommen wir an der malerischen Cala Macarella vorbei und beschließen kurzfristig, eine Nacht hier zu bleiben.
Die Cala Macarella ist eine der schönsten und bekanntesten Badebuchten auf Menorca. Der feine, weiße Sand und das klare, türkisfarbene Wasser locken viele Besucher an. Neben einigen Segelschiffen liegen zahlreiche Tagesausflügler mit ihren Motorbooten in der Bucht. Unser Anker fällt außerhalb der Bucht auf 15 Meter Wassertiefe.
Am Abend fahren wir mit dem Dinghy zur Strandbar und gönnen uns ein kaltes Bier im Café Susy.
Später dreht der leichte Wind auf Süd und baut rasch eine Welle auf. Der Schwell in der Nacht ist ordentlich – an eine ruhige Nacht vor Anker ist jedenfalls nicht zu denken.
In der Früh haben einige Schiffe die Ankerbucht bereits verlassen. Der Südwind soll bleiben, und so verlassen auch wir die Bucht und starten zur Cala Teulera.
