Wir verlassen um 07:30 Uhr die Marina von Camaret-sur-Mer und fahren noch an die Tankstelle.
Dann geht es los. Ruhig und ohne viele Worte erledigen wir die Routinearbeiten. Leinen und Fender werden weggeräumt, das Großsegel gesetzt. Die Anspannung beim Aufbruch zur Biskaya-Überquerung ist groß. Es wird unsere bisher längste Nonstop-Etappe mit etwa 350 Seemeilen, etwa 650 Kilometer Luftlinie bis zu unserem geplanten Zielhafen in A Coruña. Die tatsächliche Segelstrecke wird um einiges länger sein. Wir rechnen mit einer Überfahrtsdauer von drei bis vier Tagen.
Auf halber Strecke zum Raz de Sein, auf Höhe der Bucht Baie de Douarnenez, bekommen wir Besuch von einer Gruppe Delfine. Eine halbe Stunde lang begleiten sie uns und verwandeln unsere Anspannung in Vorfreude.
Wenn man von Norden nach Süden segelt, soll man ein bis eineinhalb Stunden vor Hochwasser in Brest bei der Einfahrt zum Raz de Sein sein. Wir passieren das Raz de Sein bei Stillwasser und ruhigen Bedingungen. Unsere Gezeitenberechnung geht auf.
Vier weitere Schiffe gehen durch die Passage, alle nehmen nach dem Kap Kurs nach Osten. Nur wir steuern nach Süden Richtung Spanien.
Unser Kurs führt uns genau in Richtung dunkler Wolken, doch nach zwei Stunden liegen diese hinter uns und wir haben blauen Himmel und leichten Wind. Wir setzen die Segel und gleiten auf Amwindkurs mit 4 Knoten dahin.
Immer wieder bekommen wir Besuch von Delfinen. Man hat das Gefühl, sie freuen sich über die Begegnung genauso wie wir.
Und dann – unglaublich, aber wahr – biegt sich die Angelrute und die Bremse der Rolle knarrt. Nachdem wir vier Jahre lang verschiedene Gummiköder in verschiedenen Revieren hinter uns hergezogen haben, ist endlich ein Fisch an der Angel!
Es ist ein ordentlicher Kampf. Meter für Meter ziehen wir den wehrhaften Fisch zum Schiff. Die Spannung steigt: Was ist es? Die Leine zeigt fünf Meter hinter dem Schiff fast senkrecht in die Tiefe. Ein Dorsch? Ein Thunfisch? Auf jeden Fall ist unser Fang sehr wehrhaft und kräftig. Und dann werden erste Konturen sichtbar.
Verdammt! Es ist ein Hai! Etwa 1 Meter lang, ein Katzenhai. Die Gedanken an ein leckeres Filet sind verflogen. Was machen wir? Wie bekommen wir den wehrhaften Minihai vom Haken?
Dann die Erlösung. Der wunderschöne Hai setzt zur letzten Gegenwehr an und kann sich vom Haken lösen. Noch nie habe ich mich so gefreut, einen Fisch verloren zu haben. 🙂
Es geht in die erste Nacht. Mel übernimmt die Wache von 21 bis 1 Uhr. Ich nutze diese Zeit, um mich auszuruhen. Als ich kurz vor 1 Uhr die Luke vom Niedergang aufschiebe und die Wache übernehmen will, erwarte ich eine müde und angespannte Mel.
Aber nein. Ich blicke in ein strahlendes Gesicht mit leuchtenden Augen. „Schau dir den Sternenhimmel an! Der Nordstern spiegelt sich im Wasser, fast so wie der Mond! Schau auf die Bugwelle!“, ruft Mel begeistert.
Ein Blick über die Reling und auch mich zieht es in den Zauber der Nacht auf der Biskaya. Unglaublich, einfach unbeschreiblich, was wir hier draußen sehen dürfen. Unsere Jera zieht unter Segel durch die Nacht und bringt das Wasser zum Leuchten. Wie ein Sternenhimmel unter uns leuchtet das Plankton in der Bugwelle, und im Fahrwasser hinter uns bleibt ein leuchtender Schweif, der sich erst weit hinten im Dunkel ins Nichts auflöst.
Wir hören Delfine unmittelbar neben uns atmen und sehen ihre Leuchtspuren kreuz und quer durchs Wasser ziehen. Wenn sie springen, hinterlassen sie bei der Landung ein helles Licht, in dem sich die Umrisse dieser wunderschönen Lebewesen erkennen lassen.
Ein unglaubliches Lichtspektakel um uns herum. Der Horizont scheint mit dem Wasser und dem Himmel zu verschmelzen.
Wir gleiten durch magische Schönheit und absolute Vollkommenheit, ohne bleibende Spuren zu hinterlassen. Solche Momente erden uns und stellen die richtige Ordnung wieder her, nämlich die Natur an oberster Stelle! Danke für diese Momente! Danke, dass wir an so einem Ort sein dürfen!
Am zweiten Tag kommt der Wind mit 12 Knoten aus westlicher Richtung. Wir können volles Tuch setzen und mit 90 bis 100° am Wind segeln. Untertags gemütlich bei wenig Welle, in der Nacht bei konstantem Wind und etwas mehr Welle.
Die Windrichtung dreht von W bis SW und wir können unseren Kurs nach A Coruña nicht halten. Wir steuern etwas südlicher, etwa in Richtung Gijón. Da wechselnde Winde vorausgesagt sind, hoffen wir, später wieder westlicher segeln zu können. Alternativ bleibt uns Gijón als Ausweichziel.
Am Horizont sind weit entfernt Blitze zu sehen, jedoch kein Donner zu hören. Der Abstand zum Gewitter war also entsprechend groß. Trotzdem beobachten wir die Situation genau, eine unmittelbare Gefahr besteht jedoch nicht.
Bei Morgendämmerung frischte der Wind auf 15 Knoten auf, und wir können gut segeln. Um unsere Batterien zu laden, starten wir den Generator.
Doch schon bald flaut der Wind auf 5 Knoten ab. Wir stoppen den Generator, starten den Motor und holen die Segel ein. Der Vorteil der Motorfahrt ist, dass wir wieder Kurs Richtung SW nach A Coruña nehmen können.
Mittlerweile sind wir drei Tage auf See.
Mittlerweile sind wir den dritten Tag auf See, es ist der 13. Juni 2023. Der 13. – und der Tag, an dem die Probleme beginnen …
Wir fahren unter Motor und die Lichtmaschine bringt den Strom. Die Anzeige der Starterbatterie zeigt erst 15 V, dann plötzlich 18 V. Eine Kontrolle mit dem Messgerät an der Batterie und an der Lichtmaschine bestätigt diese ungewöhnlich hohe Spannung.
Bald darauf merken wir, dass die Batterieabdeckung unter dem Niedergang auffällig heiß ist. Wir öffnen die Abdeckung und sehen die Ursache: Die Batterie kocht, und Gasdampf kommt aus der Überdrucköffnung.
Wir stoppen den Motor und klemmen die Starterbatterie ab. Mit einem Starterkabel von der Servicebatterie lassen wir den Motor wieder an. Wir vermuten einen Defekt der Starterbatterie, und zunächst scheint wieder alles zu funktionieren.
Nach etwa zwei Stunden kommt ein „Batterie low“-Alarm am Plotter und der Autopilot fällt aus. Wir kontrollieren alle Anzeigen und sehen, dass die Motortemperatur höher als normal ist. Also Motor aus, um zu vermeiden, dass er überhitzt. Wir öffnen den Motorraumdeckel im Cockpit und lassen den Motor abkühlen.
Als wir den Motor nach einer Weile wieder starten, haben wir keine Anzeigen mehr. Die Windanzeigen, der Autopilot und der Plotter funktionieren nicht mehr. Das gesamte 12-V-System ist außer Betrieb!
Wir überlegen uns die Folgen unserer Situation und besprechen die notwendigen Maßnahmen. Navigieren können wir mit Kompass, Tablet und Handys, solange der Akku reicht. Es geht in den Abend, und ohne 12-V-System haben wir keine Positionslichter.
Wir beschließen, einen Pan-Pan-Notruf zu funken, um die Schiffe in der Nähe und eventuell die Coast Guard zu informieren, dass ein unbeleuchtetes Schiff unterwegs sein wird. Wir erreichen den Tanker „K Inset“ in unserem Sendebereich und erklären unsere Situation. Er will die Information weitergeben und mit uns in Kontakt bleiben.
Noch haben wir Wind und können segeln, doch bei Dämmerung herrscht Flaute und wir tümpeln in der langen, aber hohen Dünung. Wir starten den Motor und sehen, dass die Anzeigen der Instrumente angehen und auch die Positionslichter wieder funktionieren. 🙂
Jetzt heißt es: Motor laufen lassen und hoffen, dass die Stromversorgung hält. Um die Motortemperatur unten zu halten, fahren wir mit niedriger Drehzahl und offener Motorraumabdeckung.
Es ist absolutes Glück, dass das 12-V-System nach dem Motorstart wieder läuft. Eine logische Erklärung haben wir dafür nicht. Wir beschließen daher, nichts zu verändern: Drehzahl und Anzahl der Verbraucher, alles bleibt wie es ist …
In Ein-Stunden-Wachen kommen wir durch die Nacht. Abwechselnd steuern wir mit 3 bis 4 Knoten Richtung A Coruña. Unsere Taktik geht auf: Am 14.06.2023 um 15 Uhr erreichen wir die Marina in A Coruña und legen am Steg längsseits an.
Die Biskaya ist überquert, auch die technischen Probleme konnten uns nicht aufhalten. Erschöpft liegen wir uns in den Armen.
