Heute geht’s durch einen berühmten Abschnitt des Englischen Kanals. Wir umfahren das Cap de la Hague, fahren durch die Straße von Alderney und passieren die Kanalinseln.
In der Straße von Alderney, auch Alderney Race genannt, herrschen die stärksten Gezeitenströmungen Europas. Die Strömungsgeschwindigkeit kann bei Springflut bis zu 12 Knoten erreichen. Bei ungünstigen Wetterbedingungen entsteht hier zudem eine gefährliche Welle. Doch heute haben wir absolut ruhige Bedingungen.
Um 11 Uhr geht’s zur Tankstelle, eine halbe Stunde später verlassen wir Cherbourg und motoren bei leichtem Gegenstrom Richtung Cap de la Hague.
Um 14:30 Uhr liegt das Cap backbord und die Strömung ist fast null – Stillwasser. Yes, die Routenberechnung stimmt! 🙂
Langsam setzt die Strömung Richtung Westen ein. Wir fahren mit 5 Knoten durchs Wasser und der Gezeitenstrom wird mit jeder halben Stunde schneller. Hinter dem Kap kocht das Wasser: Wirbel und Strömungswellen aus allen Richtungen. Fast wie bei einer Wildwasserfahrt. 🙂
Auf dem Höhepunkt der Strömung rauschen wir mit über 10 Knoten über Grund Richtung Westen.
Wir segeln südlich der Insel Alderney vorbei. Um 16:30 Uhr sind wir etwa auf halber Strecke zwischen Alderney und Guernsey. Der Wind flaut ab und wir müssen den Motor starten. Die Insel Guernsey lassen wir backbord.
Um 1 Uhr nachts haben wir 8 Knoten Wind aus Norden. Wir setzen die Segel und schaffen immerhin 4 Knoten Fahrt durchs Wasser. Es sind noch etwa 31 Seemeilen bis Roscoff.
Ab 04 Uhr muss der Motor wieder ran und um 7 Uhr erreichen wir Roscoff.
Die Marina ist noch im Tiefschlaf, als wir einfahren. Langsam fahren wir vorwärts in eine Gasse zwischen zwei Stegen und suchen nach einem freien Liegeplatz. Doch es ist alles belegt.
Als wir wieder rückwärts herausfahren wollen, versetzt uns eine seitliche Strömung. Mit Mühe schaffen wir es aus der Gasse, doch beim letzten Motorboot berühren wir den Anker.
Schlaftrunken kommt der Besitzer an Deck und hilft uns freundlich beim Anlegen.
Wer die Schallübertragung auf einem Schiff kennt, weiß, welchen Schreck er bekommen haben muss. Zum Glück ist bei seinem Schiff nichts passiert.
Wir haben eine kleine Schramme an der Randleiste – es könnte schlimmer sein.
Die Marina liegt von Wellenbrechern geschützt, das Hafenbecken ist jedoch auf zwei Seiten offen. Dadurch zieht zeitweise eine ordentliche Strömung durch.
Lesson learned: Zukünftig werden wir bei der Hafenwahl auch die möglichen Strömungen genauer bedenken.
Mittlerweile ist Dienstag, der 30. Mai. Wir liegen bereits seit sechs Tagen in der Marina von Roscoff und erholen uns von den Strapazen der letzten Etappen.
Die Ruhetage tun richtig gut. Wir machen schöne Ausflüge in den Ort Roscoff und auf die Île de Batz, einer echten Perle für Naturliebhaber. Wunderschöne Steinhäuser, das milde Klima und die doch rauen Bedingungen am Meer im Norden bieten einmalige Bilder.
Die nächsten Tage beherrscht starker Nordostwind das Wettergeschehen und bringt eine ordentliche Welle. Definitiv keine Bedingungen zum Weiterfahren. Das bedeutet: rasten, erholen und weitere Ausflüge. 🙂
Am Mittwoch, dem 31. Mai, fahren wir mit dem Bus nach Morlaix, einer netten kleinen Stadt mit schönen alten Fachwerkhäusern. Der Ort liegt tief in einem Tal und wird von einem mächtigen Eisenbahnviadukt überspannt.
Wir genießen leckere Galettes mit Sardinen-Tomaten-Füllung und trinken Cidre in einem gemütlichen Lokal in einer ruhigen Gasse der Altstadt.
Die Wetterbedingungen bessern sich und wir planen unsere nächste Etappe.
Am Samstag fahren wir mit dem Bus nach Saint-Pol-de-Léon zum Proviantieren. Im Super U, einem typisch französischen Supermarkt, bekommen wir alles, was wir für die Weiterfahrt brauchen. Für unser Abschiedsessen kaufen wir frischen Fisch – zwei Merlans und sechs Austern für 7 Euro. 🙂
Bereits heute ist der Wind zurückgegangen und einige Segler sind schon gestartet. Bei uns geht es morgen weiter, unser Ziel ist L’Aber-Wrac’h.
Mit dieser Etappe verlassen wir den Englischen Kanal und erreichen den Atlantik. Wir füllen Trinkwasser, kochen vor und planen unsere Strecke. Es wird eine spannende Fahrt um das bekannte Kap Saint-Mathieu.
