Cherbourg

Die Wetterprognose für die Weiterfahrt ist gut. Zu Beginn erwarten wir Wind aus Nordosten mit etwa 20 Knoten, in Böen bis 25 Knoten, und eine durchschnittliche Wellenhöhe von 1,2 Metern. Am Nachmittag sollen Wind und Welle dann abnehmen.

Wir planen eine Nachtfahrt mit dem Ziel Cherbourg. Da wir gezeitenbedingt erst mittags starten können und etwa 20 Stunden unterwegs sein werden, erreichen wir den Hafen von Cherbourg in den Morgenstunden.

Sollten wir den Törn abbrechen müssen, haben wir als Plan B Le Havre. Das wäre etwa die halbe Strecke, allerdings müssten wir den Hafen bei Nacht ansteuern.

Die Mittagssonne brennt auf uns herab, als wir die Leinen loswerfen. Im Hafen ist es fast windstill. Wir verlassen den Liegeplatz in Richtung Vorhafen. Bereits dort kommt uns eine ordentliche Welle entgegen.

Als wir die Ausfahrt zwischen den beiden Wellenbrechern ansteuern, steht dort eine überraschend hohe Welle. Hier trifft die Windströmung auf den auslaufenden Gezeitenstrom und es entsteht eine extreme Situation. Wir schätzen die Wellenhöhe auf etwa drei Meter.

In der relativ engen Ausfahrt ist ein Abbruch zu gefährlich. Es wäre unmöglich, das Schiff zu wenden, ohne seitlich von einer Welle getroffen zu werden. Es gibt keine andere Möglichkeit: Augen zu, Motordrehzahl hoch und durch.

Jera fährt in die steile Welle hoch, der Bug zeigt in den Himmel. Dahinter fällt das Schiff mit einem lauten Knall ins Wellental. Der Bug zeigt noch nach unten, als die nächste Welle anrollt und das Schiff verschwinden lässt. Hüfthohes Wasser ergießt sich von vorne über das gesamte Deck und strömt seitlich am Cockpit vorbei. Jera kämpft sich wieder hoch, aber die nächste Welle überspült sie erneut über die gesamte Länge. Der Motor läuft mit über 2.500 Umdrehungen und wir stampfen mit gerade einmal einem Knoten Fahrt gegenan.

Nach einer gefühlten Ewigkeit ist der Kampf gegen die stehenden Wellen gewonnen und wir haben einen guten Abstand zum Land. Zum Glück konnten wir uns auf unsere Jera verlassen. Ich möchte mir nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn wir quer geschlagen wären oder der Motor ausgefallen wäre …

Ein denkbar schlechter Start in den langen Törn. Noch eine Weile überlegen wir, was bei der Ausfahrt schiefgelaufen ist. Sind wir zu spät aufgebrochen? Haben wir die Bedingungen falsch eingeschätzt?

Auch draußen herrschen raue Bedingungen. Zwei Meter hohe, brechende Wellen aus nördlichen Richtungen machen das Kurshalten schwierig. Bei unserem westlichen Kurs treffen uns die Wellen seitlich. Immer wieder müssen wir gegensteuern und vor den brechenden Wellen abfallen. Wir wagen nicht, dem Autopiloten zu vertrauen, und steuern lieber von Hand.

Bei 20 bis 25 Knoten Wind und Böen um die 30 Knoten segeln wir nur mit der gerefften Fock und machen trotzdem ordentlich Fahrt.

Vier Stunden kämpfen wir uns durch die rauen Bedingungen. Dann nimmt der Wind ab und die See beruhigt sich.

Die Situation normalisiert sich, und nach dem ruppigen Start folgt eine angenehme Nachtfahrt. Um 09:00 Uhr, nach 19 Stunden, erreichen wir Cherbourg.