Der Englische Kanal, wir erreichen Boulogne-sur-Mer

Der Englische Kanal, auch Ärmelkanal genannt, liegt zwischen Großbritannien im Norden und Frankreich im Süden. Die Grenze zur Nordsee liegt zehn Kilometer östlich der Linie von Dover nach Calais. Die Westgrenze bildet die Linie von Land’s End zum Leuchtturm der Île Vierge.

Für Seefahrer sind das große Namen und berühmte Abschnitte. Hier herrschen enorme Tidenhübe und starke Gezeitenströmungen. Wir haben großen Respekt davor.

Weiter geht es entlang der französischen Nordseeküste Richtung Westen. Für den geplanten Törn nutzen wir wieder ein gutes und ruhiges Wetterfenster. Uns reichen die Herausforderungen der Gezeiten- und Strömungsberechnungen in dieser Region – wir brauchen nicht auch noch anspruchsvolle Segelbedingungen.

Wir erreichen das Cap Gris-Nez, die engste Stelle zwischen Europa und Großbritannien. Von der markanten Landspitze an der französischen Küste sind es nur 33 Kilometer bis zum Shakespeare Cliff bei Dover an der englischen Küste.

Diese Engstelle hat große Auswirkungen auf die Gezeiten. Der Großteil der Gezeitenströmung in der südlichen Nordsee muss durch diese Düse. Bei Flut geht es in Richtung Osten, sechs Stunden später wieder retour zum Atlantik nach Westen.

Will man diese Engstelle mit einem relativ langsamen Segelschiff durchfahren, muss die Strömung gut beachtet werden.

Hier sollte man zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein. Andernfalls schiebt einen der Strom bei voller Fahrt einfach wieder zurück.

Bisher genügte es, die Tiden am Abfahrts- und Ankunftshafen zu beachten. Diesmal muss auch ein Zwischenziel zeitlich passen.

Der Taschenrechner raucht … Das Cap Gris-Nez sollte in der Zeit zwischen kippendem Gezeitenstrom, also Stillwasser, und dem einsetzenden Strom Richtung Westen passiert werden.

Für die Anfahrtsstrecke von Dunkerque zum Cap muss eine realistische Durchschnittsgeschwindigkeit angenommen werden, denn auf diesem Abschnitt hat man zwangsläufig noch Strom gegenan.

Unter Berücksichtigung dieser Gezeitendaten ergibt sich die Startzeit.

Die Einfahrt am Zielhafen von Boulogne-sur-Mer kann zwischen 3,5 Stunden vor und 4,5 Stunden nach Hochwasser erfolgen. Berücksichtigt man die Strecke bis dorthin, ergibt sich daraus die notwendige Durchschnittsgeschwindigkeit.

So sind diesmal drei Zeitfenster zu berücksichtigen. Wir rechnen zweimal nach und kommen immer auf das gleiche Ergebnis. Ein gutes Zeichen – trotzdem bleibt es spannend. 🙂

Wir verlassen den Hafen von Dunkerque gegen 10:30 Uhr. Bei wenig Wind und starker Bewölkung geht es unter Motor Richtung Kap.

Um 14:30 Uhr erreichen wir das Cap Gris-Nez. Die Berechnung des ersten Teilstücks war gut. Der Gezeitenstrom Richtung Westen beginnt und beschleunigt uns auf über 10 Knoten.

Ab dem Cap wird es sonnig und angenehm warm. Entspannt geht es entlang der schönen Felsküste Richtung Südwesten.

Um 17 Uhr legen wir im netten Stadthafen von Boulogne-sur-Mer an. Die erste strömungsreiche Engstelle des Englischen Kanals liegt hinter uns.

Wir liegen außerhalb der Schleuse im zum Meer hin offenen Basin Port de Marée. Der Gezeitenhub ist hier gewaltig. Während wir bei Hochwasser schön auf die Hafenpromenade blicken können, liegen wir bei Niedrigwasser sechs Meter tiefer unten im Hafenbecken. Dann bleibt gerade noch ein Meter Wasser unter dem Kiel.

Der südliche Bereich des Beckens fällt sogar trocken. Hier liegen dann große Steine im Sand.

Boulogne-sur-Mer ist ein nettes Küstenstädtchen mit etwa 40.000 Einwohnern. Der Charakter der Landschaft wird zunehmend südlicher, und auch die Temperaturen steigen.