Borkum

So gut es uns auf Helgoland auch gefällt, ein Auge haben wir stets auf den Wetterprognosen, und diese melden gute Bedingungen. Wind aus nordöstlichen Richtungen und moderate Wellen bieten beste Voraussetzungen für die Weiterfahrt nach Borkum.

Wir starten mit den Vorbereitungen: Wasser bunkern, Motorkontrolle und Lebensmittel kaufen. Mel kocht wieder vor, falls es unterwegs ruppig wird. Ein gutes Essen ist die beste Voraussetzung für eine zufriedene Crew 😉

Auf uns wartet ein 14 Stunden langer Törn durch interessante Gebiete. Neben den Gezeitenströmungen sind Verkehrstrennungsgebiete der Großschifffahrt und Untiefen bei der Ansteuerung des Hafens in Borkum zu beachten.

Am Tag vor unserer Abfahrt wandern wir ein letztes Mal zum Naturschutzgebiet Lummenfelsen und nehmen Abschied von der schönen Insel.

Wir checken noch einmal das Wetter und suchen geeignete Ausweichhäfen, falls wir die Überfahrt abbrechen müssen.

Zusätzlich kontrollieren wir auch das Wetter für den übernächsten Tag – für den Fall, dass wir Borkum nicht erreichen können und weitersegeln müssen.

Borkum soll im Zeitraum zwischen drei Stunden vor Hochwasser und Hochwasser angelaufen werden. Der Hafen liegt im Süden der Insel, also im eher flachen Wattenmeer. Kommt man außerhalb dieses Zeitfensters an, herrschen unangenehme Strömungen zwischen den Inseln und dem Festland. Die Wassertiefe ist weniger wichtig, diese ist auch bei Ebbe für unseren Tiefgang ausreichend.

Am 19.04.2023 ist in Borkum um 23:43 Uhr Hochwasser. Wir sollen also zwischen 20:43 und 23:43 Uhr ankommen. Somit ergibt sich eine Startzeit in Helgoland um etwa 07:30 Uhr.

Pünktlich legen wir ab und setzen bereits im Südhafen das Großsegel. Dann geht es durch den Vorhafen und raus auf die Nordsee. Es herrscht Wind um die 15 Knoten aus Norden, der ab Mittag stärker werden soll. Wir entscheiden uns für das 3. Reff im Groß und die volle Genua.

Jera hat ein durchgelattetes Großsegel mit 36 m² Fläche. Segel setzen, reffen und bergen erfolgt am Mast. Wir haben zwei Vorsegel, die Genua mit 52 m² und die Fock mit 24,7 m². Beide werden vom Cockpit aus bedient. Für leichteren Wind haben wir einen Gennaker mit 114 m².

Ist starker oder zunehmender Wind gemeldet, setzen wir das Großsegel lieber von vornherein stärker gerefft, um bei härteren Bedingungen nicht nach vorn an den Mast zu müssen. Die Anpassung der Segelfläche an den Wind erfolgt dann mit den Vorsegeln sicher vom Cockpit aus. Diese Taktik hat sich bisher gut bewährt.

Mit 5 bis 6 Knoten Fahrt durchs Wasser geht es Richtung Süden. Westlich von Helgoland beginnen zwei stark befahrene Verkehrstrennungsgebiete. Diese umfahren wir im Osten und ändern erst südlich davon den Kurs Richtung Westen.

Wir segeln nördlich der deutschen Nordseeinseln. Langeoog, Baltrum, Norderney und Juist ziehen an uns vorbei. Wir erkennen meist nur Umrisse am Horizont in der diesigen Luft.

Wir sind hier draußen in unserer eigenen Welt, in unserem Zuhause. Ein Gefühl von Freiheit, der Traum vom Segeln. 🙂

Bei herrlichen Bedingungen kommen wir gut voran und liegen gut in der Zeit, als wir Borkum schließlich backbord vor uns haben.

Das Borkum Riff halten wir gut frei. Erst weit nordwestlich der Insel halsen wir von einem angenehmen Raumschotkurs in einen harten Amwindkurs Richtung Süden. Erst jetzt spüren wir den mittlerweile über 20 Knoten starken Wind so richtig. Im Fahrwasser der Emsmündung haben die Böen dann 24 Knoten.

Am südwestlichen Ende von Borkum erreichen wir die Fischerbalje. Erst hier können wir den Kurs ändern und Richtung Hafeneinfahrt steuern. Wir sind etwa eine Stunde zu früh und haben daher noch mit beeindruckenden Strömungen und Wirbeln zu kämpfen. Jera drückt es mal nach links, mal nach rechts. Mit Gegensteuern gleichen wir die Strömungsbewegungen aus. Ab dem Leitdamm sind die Wirbel weg und die Strömung läuft parallel zum Ufer.

Hinein in die schmale Einfahrt zum Burkana Hafen und ran an den nördlichen Steg. 80 Seemeilen, also 148 Kilometer, liegen hinter uns. Die Durchschnittsgeschwindigkeit lag bei 6,7 Knoten, wir waren 13 Stunden unterwegs. Davon nur 1,5 Stunden unter Motor.

Müde und erschöpft suchen wir den Hafenmeister, finden jedoch nur einen Zettel mit einer Telefonnummer. Wir rufen an und erfahren, dass wir am Steg der Berufsschifffahrt liegen. Wir müssen weg und an die westlichen Stege. Also noch einmal Leinen los – zumindest gedanklich waren wir eigentlich schon im Feierabendmodus.

Aber dann liegen wir richtig und es gibt das verdiente Anlegerbier. Bald fallen wir todmüde in die Koje.

Borkum ist die westlichste der Ostfriesischen Inseln. Die Emsmündung bildet die Grenze zwischen Deutschland und den Niederlanden. Der Ort Borkum ist lebendig, Urlauber und Tagesgäste füllen die Gassen und Promenaden.

Im Westen und Norden grenzen weitläufige Strände und Sanddünen an den Ort.

Das Hafengebiet liegt etwas abseits im Süden der Insel. Zu dieser Jahreszeit ist es hier angenehm ruhig.

Von hier kann man die Insel gut mit dem Bus, der urigen Kleinbahn und mit dem Fahrrad erkunden.

Im Osten der Insel befindet sich ein Naturschutzgebiet mit einer Vielzahl an Vogelarten. Wir sehen Wildgänse, Löffelreiher, Uferschnepfen, Kiebitze, Austernfischer, Brandgänse, Strandläufer und viele uns unbekannte Arten.

Die Stege der Gastlieger im Hafen werden vom Pächter des Hafencafés Burkana betreut. Er hat das Lokal erst kurz vor unserem Besuch übernommen und kämpft noch mit der Berechnung der Liegegebühr. Der Preis für die ersten Tage ist ein anderer als der Preis bei der Abrechnung vor unserer Weiterfahrt. Letztlich aber alles fair und entspannt. Die Preisdifferenz wird mit Freibier ausgeglichen. 🙂

Und da gibt es noch etwas zu erzählen.

Am Besuchersteg unmittelbar vor uns liegt ein sehr interessanter Trimaran mit belgischer Flagge. Während wir das Ende des schlechten Wetters abwarten, treffen drei junge Segler ein und bereiten sich gut gelaunt auf die Abfahrt vor. Das Schiff sieht sehr sportlich und schnell aus. Etwa 10 bis 11 Meter lang, mit einem schlanken Mittelrumpf und links und rechts je einem schnittigen Schwimmkörper.

Am nächsten Morgen, als wir an Deck gehen, sind die Jungs bereits gestartet.

Zwei Tage später stolpere ich über einen Artikel über einen Seenotfall. Ein Trimaran ist westlich von Borkum gekentert. Zum Glück konnten alle drei Jungs, unterkühlt, aber unverletzt aus der aprilkalten Nordsee gerettet werden. Scheinbar ist ein Schwimmkörper gebrochen.

Es lässt uns darüber nachdenken, wie schnell aus einem netten Törn ein Horrortrip werden kann.