Der Nord-Ostsee-Kanal

Um 7:30 Uhr ist Tagwache. Nach einem gemütlichen Frühstück besprechen wir den Ablauf in der Schleuse zum NOK und die Verteilung der Aufgaben.

Wir bezahlen die Liegegebühr im Hafenbüro und sehen, dass wir die ersten Besucher im Gästebuch 2023 sind.

Dann bereiten wir uns zum Ablegen vor. Als uns jemand vom gegenüberliegenden Steg zuwinkt, erkennen wir Kai. Er will uns mit dem Auto ein Stück weit bei der Kanalfahrt begleiten.

Wir verlassen die Marina um 9:30 Uhr in Richtung der Holtenauer Schleuse. Gemeinsam mit einem weiteren Segelschiff ziehen wir im Wartebereich unsere Kreise.

Beim Schleusenvorgang fahren zuerst die Berufsschiffe ein und werden entsprechend ihrer Länge positioniert. Dann gibt der Schleusenmeister per Funk die Einfahrt auch für uns frei.

Die Schleuse ist eine Konstruktion aus Beton und rostigem Stahl, ein grobes Bauwerk für große Frachtschiffe. Unser schönes, zartes Segelschiff passt so gar nicht in diese Welt. Wir fühlen uns schutzlos ausgeliefert und verloren, als wir in das Becken einfahren und zwischen den riesigen Frachtern am Steg festmachen.

Der Schwimmsteg in der Schleuse befindet sich auf Höhe der Wasserlinie und ist nur wenige Zentimeter hoch. Die Fender müssen liegend im Wasser schwimmen, damit sie Jera vor Beschädigungen schützen.

Um vom Schiff auf den tief liegenden Steg zu steigen, haben wir seitlich einen Trittfender angebracht.

Langsam nähern wir uns dem Steg, und Mel wartet konzentriert, bis sie auf den Steg klettern und dort die Festmacherleinen belegen kann. Jetzt nur keinen Fehler machen.

Kurz bevor wir den Steg berühren, steigt Mel in den Trittfender und bleibt mit den groben Segelstiefeln hängen. Nur knapp kann sie einen Sturz vermeiden. Der Puls steigt schlagartig – genau so hatten wir uns den ersten Schleusengang nicht vorgestellt.

Wir gehen davon aus, dass die vorderen Schiffe zuerst aus der Schleuse fahren und wir als Letztes. Doch dann ruft der Schleusenmeister von der Kaimauer und deutet uns, dass wir starten sollen.

Wie jetzt, im Ernst? Wir sollen zwischen den Frachtern vor uns durchfahren?

Ungläubig rufe ich zurück und frage noch einmal nach. Tatsächlich: Der Schleusenvorgang ist beendet und wir sollen als Erste ausfahren!

Auch die Crew des zweiten Segelschiffes ist überrascht, als ich das Kommando des Schleusenmeisters weitergebe. Wir starten den Motor, holen die Festmacherleinen ein und fahren vorsichtig vom Steg.

Links und rechts stehen die riesigen Frachter, dazwischen ist verdammt wenig Platz. Angespannt und konzentriert passieren wir die erste Frachterreihe.

Nur nicht zu langsam, denn dann hat jede Strömung eine große Auswirkung auf unser Schiff. Aber auch nicht zu schnell – man will ja bei einem Problem noch reagieren können.

Großes Durchatmen, als wir die vordersten Frachter passiert haben und in den großzügigen Bereich zwischen Schleuse und Kanal einfahren.

Wir steuern direkt den Steg beim Kassenautomaten an, um die Gebühren für die Kanaldurchfahrt zu bezahlen. Noch vollgepumpt mit Adrenalin folgt ein sehr ruppiges Anlegemanöver. Zu viel Geschwindigkeit, bis ans Limit gequetschte Fender, ein knirschend schwankender Steg … aber letztlich liegen wir ohne Schaden längsseits.

18 Euro kostet das Befahren des Nord-Ostsee-Kanals mit unserem Schiff. Für die 100 Kilometer lange Fahrt hat man drei Tage Zeit. Als Sportschiff darf man nur bei Tageslicht und zu genau vorgegebenen Zeiten unterwegs sein.

Grundsätzlich wäre es möglich, die gesamte Strecke an einem Tag zu absolvieren. Wir möchten es jedoch gemütlich angehen und in drei Etappen fahren:

Etappe 1: Schleuse Holtenau bis Rendsburg
Etappe 2: Rendsburg bis Brunsbüttel
Etappe 3: Durch die Schleuse Brunsbüttel auf die Elbe

Um 12:00 Uhr verlassen wir Holtenau und motoren gemütlich mit 7 Knoten Fahrt in den Kanal. Nur wenn ein Frachtschiff entgegenkommt oder uns überholt, steigt die Spannung an Bord.

Schnell gewöhnen wir uns an die geringen Abstände und die enorme Wasserverdrängung der großen Schiffe. Die Bugwellen können schon mal einen Meter hoch sein und Jera vom Kurs ablenken.

Um 15:30 Uhr biegen wir vom NOK in den Seitenarm Richtung Rendsburg ab. Böen mit über 20 Knoten von der Seite machen das Anlegen in der Marina spannend.

Unser Freund Kai meldet sich und kommt auf ein gemeinsames Abendessen vorbei. Er übergibt uns einen USB-Stick mit tollen Bildern und Videos von unserer bisherigen Kanalfahrt. Wir verbringen einen schönen Abend und fallen danach todmüde in die Koje.

Heute kommt der zweite Teil unserer NOK-Passage. Um 10:00 Uhr legen wir in Rendsburg ab und reihen uns in den Schiffsverkehr Richtung Westen ein. Es ist windig und eisig kalt. Wir sitzen abwechselnd, dick vermummt, am Steuer – die Wärmflasche auf den Füßen wird zum wichtigsten Crewmitglied. Trotzdem genießen wir die Fahrt durch die norddeutsche Landschaft.

Um 15:00 Uhr erreichen wir Brunsbüttel und legen in der kleinen Marina direkt vor den Schleusen an.

Wir spazieren durch die kleine Ortschaft und den Schleusenbereich. Mit Respekt blicken wir auf unser morgiges Ziel. Vor uns liegt also die Elbe – breit, mächtig und heute noch etwas geheimnisvoll. Der Strom ist riesig. Durch den leichten Nebel erkennt man nur schemenhaft die Umrisse des weit entfernt gegenüberliegenden Ufers. Sehr beeindruckend.

Unsere Jera liegt unmittelbar neben der Schleuseneinfahrt. Im Schiff hört man die Schrauben der Frachter bedrohlich nahe. Uns steht eine vermutlich unruhige Nacht bevor.

Das erste Mal in unserer Seglerkarriere sind wir mit dem Thema Gezeiten konfrontiert. Als Informationsbasis haben wir uns den aktuellen Reeds Nautical Almanac besorgt, ein sehr umfangreiches und informatives Buch.

Die theoretischen Berechnungsübungen zu Hause haben recht gut geklappt, die Ergebnisse stimmten mit der Online-Recherche meist überein. Nun, da wir den Gezeitenhub und die Strömungen vor Augen haben, ist die Situation plötzlich wesentlich spannender.

Ab hier endet das sorglose Segeln nach Lust und Laune. Ein Start zum falschen Zeitpunkt kann einen Törn sehr mühsam und sogar gefährlich machen. Bei korrekter Berechnung des Gezeitenstroms sind jedoch eine enorme Geschwindigkeit und lange Tagesstrecken möglich.

Unsere gestrige Berechnung wurde sicherheitshalber mehrfach nachgerechnet. Wir sollten um etwa 08:00 Uhr durch die Schleuse gehen.

Als wir um 07:00 Uhr ablegen und zum Wartebereich vor der alten Schleuse queren, ist es neblig. Hier treffen wir auf unser Buddyschiff von der Schleuse in Holtenau. Auch die Crew möchte heute nach Cuxhaven. Wir begrüßen uns und sind beide froh, beim Thema Gezeiten auf das gleiche Ergebnis gekommen zu sein. 😉

Wenig später bekommen wir die Freigabe zur Einfahrt in die Schleuse.

Das kanalseitige Tor wird langsam zugemacht, eine Anzeige informiert über die Situation draußen auf der Elbe. Im Moment herrschen 2,7 Knoten Fließgeschwindigkeit in Richtung elbabwärts.

Der Einfluss der Nordsee reicht weit elbaufwärts ins Landesinnere hinein. Von der Mündung in Cuxhaven bis nach Hamburg unterliegt die Elbe den Schwankungen der Gezeiten. Bei ablaufendem Wasser verstärkt sich die Strömung, während sich vor Hochwasser die Gezeitenströmung gegen die Fließströmung stellt.

Das äußere Schleusentor öffnet sich und gibt den Blick auf die Elbe frei. Nebel liegt auf dem trüben Wasser, die Sichtweite beträgt vielleicht eine Seemeile.

Wir fahren aus dem Schleusenbereich und schon erfasst uns die Strömung. Die Wasserfläche der Elbe ist riesig, der befahrbare Bereich jedoch eingeschränkt. Sandbänke liegen teilweise knapp unter der Wasseroberfläche. Das tiefe Fahrwasser ist durch Begrenzungstonnen gut markiert.

Wir halten uns am Rand, nahe an den steuerbordseitigen Tonnen.

Vor uns liegt die Elbe, irgendwo zwischen Nebel und Horizont verschwindet das gegenüberliegende Ufer. Die Strömung schiebt kräftig, und plötzlich wird uns bewusst: Jetzt sind wir wirklich auf der Elbe.