Die letzten Meilen auf der Ostsee

Schon gestern haben wir das Schiff für die Abreise vorbereitet. Alle Festmacher sind auf Slip gelegt, das heißt, sie können vom Schiff aus eingeholt werden. Die Süßwassertanks sind gefüllt, der Motor ist gecheckt.

Nach dem Abendessen haben wir im Cockpit in der geheizten Kuchenbude den schönen Sonnenuntergang und den Beginn der sternenklaren Nacht genossen.

Um 5 Uhr früh holt uns der Wecker aus dem Schlaf, und wir kämpfen uns aus dem warmen Bett. Wir starten die Dieselheizung, und nach wenigen Minuten ist es angenehm warm im Schiff. Während Mel Kaffee kocht, steige ich raus ins Cockpit und baue die Kuchenbude ab.

Es ist noch dunkel, und Eiskristalle rieseln mir ins Gesicht, als ich die Zeltkonstruktion verstaue. Das gesamte Schiff ist von einer dünnen Eisschicht überzogen. Die klare Nacht brachte Temperaturen unter null Grad. Durch das Eis ist es sehr rutschig und recht gefährlich für Arbeiten an Deck. Wir entscheiden, mit dem Ablegen noch etwas zu warten.

Um 07:30 Uhr ist es soweit. Das erste Tageslicht verdrängt die eisige Kälte und lässt das Eis tauen. Der Motor läuft bereits warm, während wir das Ablegemanöver besprechen.

Es ist ein denkwürdiger Moment, als die nasse Festmacherleine durch die Klampe am Steg gleitet und das Ende ins Wasser fällt. Die Verbindung zum Land ist gelöst. Wir verlassen unseren Heimathafen der letzten zwei Jahre. Unsere lange Reise ins Mittelmeer beginnt.

Langsam fahren wir unter Motor aus der Marina und durch die enge Ausfahrt des Großenbroder Binnensees hinaus in die Ostsee. Es ist saukalt, die ersten Sonnenstrahlen bringen kaum Wärme.

Bei perfektem Wind mit 15 Knoten aus Osten setzen wir die Segel und gleiten mit schönem Speed Richtung Fehmarn. Der Wind lässt nach, und wir fahren durch den Fehmarnsund unter Motor.

Um 09:30 Uhr sind wir auf Höhe von Heiligenhafen, und die Fehmarnsundbrücke liegt hinter uns. Der Südostwind frischt auf, wir haben 18 Knoten, die Böen erreichen 22. Wir rollen die große Genua ein, binden das erste Reff ins Großsegel und setzen die kleinere Fock.

Über Funk kontaktieren wir die Küstenfunkstelle und bekommen die Freigabe für die Fahrt durch das Schießgebiet Todendorf. Entlang der Kiel-Fehmarnsund-Route können wir auf direktem Kurs Richtung Kieler Förde steuern. Der Wind passt, der Kurs passt, es läuft.

Um 16:00 Uhr erreichen wir die Einfahrt zur Kieler Förde. Der Wind hat weiter nach Süden gedreht. Mit dem Kurswechsel in die Bucht haben wir den Wind genau auf der Nase. Wir holen die Segel ein und starten den Motor. Unser heutiges Ziel ist der Anlegebereich beim Tiessenkai, direkt an der Einfahrt in den Nord-Ostsee-Kanal.

Letzten Sommer haben wir in Dänemark Kai kennengelernt, einen Solosegler aus Kiel. Auch er startet in diesem Jahr auf Langfahrt. Wir rufen ihn an und fragen, ob er Lust hat, uns an Bord zu besuchen.

Um 16:45 Uhr legen wir längsseits am Steg an. Bald darauf sitzen wir gemeinsam mit Kai im Cockpit bei einem Anlegerbier.

Als ein großer Frachter die Schleuse des Kanals verlässt, sorgt die Bugwelle für leichte Bewegung auf unserem Schiff. Es geht hoch, es geht runter – und plötzlich stoppt die Abwärtsbewegung.

Unser Kiel berührt den Grund! Hier können wir nicht bleiben.

Nach einem weiteren Bierchen fährt Kai nach Hause, und wir verholen uns in die etwa 2 Kilometer entfernte Marina von Stickenhörn. Hier verbringen wir die erste Nacht auf unserer Reise bei ausreichend Wassertiefe 😉

Später erfahren wir, dass die Anlegestelle Tiessenkai nicht mehr gepflegt wird und mittlerweile versandet ist. Für unseren 1,9 Meter Tiefgang ist sie derzeit nicht geeignet. Auch die Infrastruktur ist nicht mehr vorhanden: Es gibt weder Strom noch Wasser.